Aufrüstung


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Stärkevergleich Russland - Nato und die Frage, ist die geplante Aufrüstung notwendig

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Versuch einer Diskussion, wie der Ukraine-Krieg sich weiter entwickeln könnte, und über die verschiedenen Hoffnungen oder Möglichkeiten, ihn zu beenden

 

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Zur Sicherheit gehört nicht nur eine Verteidigungsarmee, vielleicht wichtiger ist auch eine gute Verfasstheit der Gesellschaft, eine Unabhängigkeit und Resilienzfähigkeit

 

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         Teil 1                   Eine nie dagewesene, riesige Aufrüstung

Notwendig oder Wahnsinn?

Die Sorge und Behauptung: Russland unter Putin will seine Macht und seinen Einfluss sichern und wenn die Ukraine erst einmal erobert ist, dann wird das Baltikum, Georgien, Moldawien und vielleicht sogar das ganze Einflussgebiet der ehemaligen Sowjetunion angegriffen. Wenn jetzt noch die USA als verlässlicher Partner ausfällt, bleibt Europa gar nichts anderes übrig, als massiv in die eigene Verteidigung zu investieren.

Und diese These wird von fast allen (oft nur sogenannten) Militärexperten, den Medien, und auch von unseren regierenden Politikern vertreten. Mit der Folge, dass ein Großteil der Bevölkerung auch diese Meinung übernommen hat.

Zuerst einige Daten:

                                                              Nato        nur Nato-Europa     Russland

Kampfflugzeuge:                              5.406               2.073                  1.026

Strategische Bomber:                            140                 0                     129

Kampfhubschrauber:                            1.301               421                    348

Hauptkriegsschiffe:                              274               140                      33

U-Boote:                                            143                73                      50

Kampfpanzer:                                     9.011            6.297                   2.000

Gepanzerte Fahrzeuge:                         45.619          28.822                  11.020

                                                              Nato        nur Nato-Europa     Russland

Artillerie:                                       22.145          15.399                    5.399

Truppenstärken:                            3.330.000       1.910.000               1.320.000

Atomsprengköpfe:                              5.759              515                   5.889

Rüstungsfirmen, Top 100:                        72                30                        2

Weltrüstungsumsatz, Anteil in % :             71,7 %            21,1 %                  3,5 %

Militärausgaben in Mrd. US-$:               1.341               425                    127

                                                                                                    (davon 780.000 östl. Ural)

Soweit die nackten Zahlen, die Quellen sind: Studie Greenpeace, SIPRI, IISS (2024)

Jetzt sind diese Zahlen zwar nachzuprüfende Fakten, doch spiegeln sie nicht unbedingt die Realität wieder, oder besser nicht die Wirkung auf die militärische Realität wieder. Z.B die Militärausgaben: Berücksichtigt man die jeweilige Kaufkraft, dann entsprechen die 127 russischen Milliarden Dollar in unseren Ländern ca. 300 Milliarden Dollar. Und mit ziemlicher Sicherheit sind die realen Ausgaben über verdeckte Geldquellen und Ausgaben deutlich größer. Oder die Einsatzfähigkeit des Materials, was helfen Panzer oder Flugzeuge, wenn sie nicht funktionieren.

Gerade das letzte Argument muss immer wieder dafür herhalten, dass wir viel mehr für die Rüstung ausgeben müssen.

Aber genauso wenig wie die oben genannten Zahlen die geschürte Angst vor der russischen Aggression rechtfertigen können, genauso wenig rechtfertigt dieses Argument das geplante Aufblähen der Militärausgaben.

Denn entgegen all dieser Experten und der Überzeugung einer relativ großen Mehrheit (und auch der Meinung mancher von mir hoch geschätzten Linken) bin ich da ganz anderer Meinung.

Was gegen die Gefahr für Europa spricht: Was geflissentlich in der medialen Darstellung fast immer übersehen und verschwiegen wird, das russische Militär krankt an ähnlichen Problemen. Viele Waffen sind veraltet, nicht einsatzfähig, die Logistik funktioniert nicht, die Soldaten sind schlecht geschult, die Waffenproduktion ist zwar enorm in die Höhe gefahren worden, aber es hapert auch an den notwendigen Materialien und auch an einer veralteten Technologie. Dazu kommt, dass der Ukraine-Krieg für Russland enorme Verluste an Soldaten und Waffen brachte, die nicht so ohne weiteres ausgeglichen werden können. Sowohl jetzt, als auch im nächsten Jahrzehnt wird es schwierig bleiben, neues Militärpersonal zu rekrutieren und auch vernünftig auszubilden.

Soweit die technische Seite der Frage nach der russischen Gefahr. Aber noch entscheidender für mich ist die taktische Frage. Wir reden ja von der möglichen Situation, die Unterstützung für die Ukraine im jetzigen Krieg war zu gering und Russland gewinnt und übernimmt die Herrschaft über die Ukraine. Und dieser Sieg ermuntert Russland, sich dann die weiteren oben angesprochenen Gebiete auch noch einzuverleiben, inklusive einiger Nato-Staaten.

Warum diese Einschätzung nach der Eroberung der Ukraine völlig falsch ist

  1. Russland wird weiter von vielen Staaten sanktioniert bleiben, die Wirtschaft bleibt schwach und wird sich trotz der Zusammenarbeit mit ca. 50 anderen Staaten nicht erholen können und schwach bleiben.

  2. Die russische Gesellschaft wird sachlich, psychisch und moralisch gar nicht in der Lage sein, weitere (verlustreiche) Eroberungen zu realisieren.

Wenn man sich die Geschichte der Menschheit, besser der großen imperialen Mächte, anschaut, (Griechen, Römer, Chinesen,Tataren, Engländer, Deutsche, Japaner, Sowjetunion, USA) dann sind diese Imperien immer auch an ihrer Überdehnung gescheitert. Sie wurden zu groß, um überall effektiv herrschen, zu groß, um überall internen und externen Widerstand ausschalten zu können. Mit der Folge auch, dass die Moral und die Unterstützung der Bevölkerung immer mehr verloren ging.

In der jüngsten Vergangenheit haben wir gesehen, dass die starke USA das kleine Vietnam nicht bezwingen konnte, die USA-Bevölkerung begann zu meutern. Die Sowjetunion hat jahrelang Afghanistan besetzt und musste sich zurückziehen, auch weil die eigenen Bürger die Verluste nicht mehr hinnehmen

wollten. Die USA ist mit ihrer Besetzung des Iraks gescheitert, die USA musste zusammen mit der Nato sich nach 20 Jahren gedemütigt aus Afghanistan zurückziehen.  Die USA ist mit ihrer Besetzung des Iraks gescheitert, die USA musste zusammen mit der Nato sich nach 20 Jahren gedemütigt aus Afghanistan zurückziehen. Wenn jetzt Russland die Herrschaft über die Ukraine übernimmt, flächenmäßig nach Russland das größte Land Europas, dann werden enorm viel Ressourcen und viel Personal benötigt, es wird viel Ärger und auch viel Verluste, zivilen Widerstand, Sabotage und auch terroristische Anschläge geben, so dass im Endeffekt, wie die Großmächte in der Vergangenheit, auch Russland gar nicht in der Lage sein wird, einen weiteren, noch viel größeren Krieg anzuzetteln. Das widerspräche meiner Meinung nach jeder realistischen Einschätzung. Ein (wirtschaftlich) schwaches Russland mit einer müden, ausgezehrten Bevölkerung ist unabhängig von seiner militärischen Stärke dazu überhaupt nicht in der Lage.

Soweit meine Gegenthese zu der (falschen) Behauptung und der Angstmacherei, Europa ist durch das imperiale Russland akut gefährdet. Wenn gesagt wird, wir sind zur Zeit gar nicht wirklich verteidigungsfähig, deshalb müssen wir endlich etwas dafür tun, dann kann ich dem in Teilen durchaus zustimmen. Ja, wir sollten unsere Verteidigungsfähigkeit wieder herstellen. Aber es gilt eben auch: Russland ist zur Zeit (und die nächsten 5 – 10 Jahre) nicht (angriffs)kriegsfähig. Es besteht also kein Grund, Panik zu schüren und übereilt falsche Entscheidungen zu treffen.

Es bleibt die Frage, was wird aus der Ukraine und müssen wir jetzt aufrüsten – und wenn ja, wie oder wie viel.

Ich bin Pazifist, insofern stehe ich allen Waffenlieferungen und jeder Aufrüstung skeptisch gegenüber. Aber ich verschließe mich natürlich nicht den bestehenden Realitäten. Wir haben diesen fürchterlichen und auch gegenüber der zivilen Bevölkerung brutalen Krieg in der Ukraine, den Russland völkerrechtswidrig angezettelt hat und den man nur als großes Verbrechen Putins bezeichnen kann. Doch dieser Krieg hat seine Vorgeschichte, er hätte vermieden und auch schon längst beendet werden können, es sind im Vorfeld und auch seit 2022 viele Fehler gemacht worden. Das ist aber ein anderes Thema, das ich in einem anderen Text beschreiben möchte.

Wir haben jetzt die Situation, dass Russland rund 20% der ukrainischen Landfläche besetzt hat und jetzt am Beginn des Jahres 2025 langsam immer weitere Geländegewinne verzeichnen kann. Die besetzten Gebiete haben die Hälfte ihrer Einwohner eingebüßt, etwa 3,5 Millionen leben noch dort.

Weiter gilt, die Ukraine ist alleine nicht widerstands- und auch nicht überlebensfähig, sie ist auf die Unterstützung der Nato und der westlichen Länder angewiesen. Diese Hilfe wurde bisher rund zur Hälfte durch die USA geleistet, es sieht zur Zeit so aus, dass diese Hilfe aus den USA unter der Präsidentschaft Trumps wegfällt. Von daher sind die Europäer und damit auch Deutschland genötigt, die Initiative zu ergreifen und sich für den weiteren Weg zu entscheiden:

  • Wenn man die Unterstützung der Ukraine und die Waffenlieferungen kürzt oder einstellt, wird es nicht mehr lange dauern und der ukrainische Widerstand bricht zusammen, Russland überrollt die Ukraine und besetzt es. Dieses Szenario sollte meiner Meinung nach unbedingt verhindert werden. Denn es wäre eine Katastrophe für die Menschen dort, es würde sich Hass, Rache und Elend weiter verbreiten und eine gemeinsame, friedliche Zukunft wohl lange nicht möglich sein. Aber, und das ist ein ganz dickes Aber, es würde nicht die Einladung an Putin oder der Startpunkt für weitere Eroberungszüge Russlands sein. Oder gar der Beginn eines großen Krieges in Europa. Die Begründung habe ich oben schon angesprochen. Für viele nicht der Rüstungslobby und anderen Kriegsgewinnlern hörigen Experten ist es völlig klar, dass durch die riesigen Verluste im Ukrainekrieg Russland so massiv geschwächt wurde, dass sie viele Jahre bräuchte, um überhaupt wieder eine Möglichkeit zu haben, sich mit der europäischen Nato anzulegen. Man könnte zynisch sogar sagen, eine Übernahme der Kontrolle über die ganze Ukraine macht weitere russische Abenteuer noch unmöglicher: Wenn Putin die Ukraine komplett beherrschen will, das würde so viel Mühen und Kapazitäten binden, und ihm so viel Schwierigkeiten bereiten, dass Russland noch viel länger zu überhaupt keinem weiteren Krieg in der Lage wäre.
  • Ich würde jedenfalls die andere Alternative bevorzugen: Die Ukraine weiter unterstützen und auch genügend Waffen liefern, um Russlands Aggression zum Halten zu bringen. Ja, ich bin für weitere Waffenlieferungen, allerdings wieder ein dickes Aber, aber nur unter zwei Bedingungen:
  1. Waffen nur zur Verteidigung, zur Abwehr der vielen Drohnen und Raketen, und Waffen um Russlands Vormarsch aufzuhalten. Keine Waffen um weiterhin zu versuchen, Russland aus der Ukraine, inklusive der Krim, herauszuwerfen, quasi Russland zu besiegen. - Da kommt dann gleich der Widerspruch, das würde ja wohl bedeuten, der jetzige Krieg mit all seinen Opfern und Zerstörungen würde ewig so weitergehen. Nein, das würde bedeuten, beide Seiten müssen erkennen, dass ein so Weitermachen keinen Sinn ergibt. Würde man von westlicher Seite allerdings weiter auf Sieg setzen und dafür mit

immer mehr und immer besseren Waffensystemen und schlussendlich sogar für dieses Ziel mit eigenen Truppen der Ukraine helfen, dann würde das die Gewaltspirale nur anfeuern und im Endeffekt auf den großen Entscheidungskrieg in Europa hinauslaufen. Dieses schreckliche Szenario wird von unseren Aufrüstungsfanatikern nie mitgedacht und auch fast nie thematisiert. Um aber ein „Weiter So“ zu vermeiden, brauchen wir die Berücksichtigung der 2. Bedingung.

2. Waffenlieferung nur in Verbindung mit ernsthaften Bemühungen, diesen Krieg zu beenden. Es ist im höchsten Maß traurig, dass erst das krude Gerede eines beschränkt denkfähigen amerikanischen Präsidenten auf europäischer Seite solche Bemühungen auf die Agenda gesetzt hat. Dass erst ein selbsternannter „Deal-Maker“ kommen musste, um den Europäern auf die Sprünge zu helfen: Denn ein Kompromiss, ein Friedensversuch muss die Interessen beider Seiten berücksichtigen. Es hilft nicht weiter, dem Gegner zu sagen, du bist ein Verbrecher, du musst aufhören, du musst für dein Tun bestraft werden (Baerbocks Plan für Friedensgespräche mit Putin).

Jetzt nach Trumps Intervention tut sich endlich etwas bei uns, um über ein Ende des Krieges zu reden. Aber was bis jetzt zu hören ist, ist für meine Begriffe immer noch nicht wirklich zielführend. Es wird darüber lamentiert und diskutiert, dass Trump über die Köpfe der Europäer und der Ukraine hinweg verhandelt (beleidigte Leberwurst), statt sich um ein erfolgversprechendes Format zu bemühen und sich über Ziele und Angebote aus zu tauschen. Das vermisse ich jedenfalls, und deshalb hier meine Vorschläge:

  • Es bringt nichts, immer wieder die scheinbar doch so moralische Forderung vor sich her zu tragen, vor allem die beiden Kriegsparteien Russland und Ukraine müssen miteinander verhandeln, oder konkreter, nicht über die Köpfe der Ukraine hinweg. Das klingt zwar gut, ist aber nicht hilfreich, weil die Ukraine zu 100 % von der westlichen Unterstützung abhängig ist. Warum sollte Russland mit der Ukraine verhandeln, wenn alle Entscheidungen woanders gefällt werden? Und ein zweiter Punkt: nicht nur die Ukraine ist das Opfer dieses Krieges. Ohne die schlimme Situation und die Folgen für die Ukraine kleinreden oder verharmlosen zu wollen, die ganze Welt ist durch diesen Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Von den wirtschaftlichen Turbulenzen, den dadurch zunehmenden Hunger, die Ressourcenverschwendung bis hin zu dem erhöhten CO2-Ausstoß, der alle weltweiten Reduktionsbestrebungen konterkariert und der dadurch zunehmenden Erderwärmung mit all ihren schlimmen Folgen – all das und noch viel mehr spricht dafür, die Bemühungen zuerst für einen Waffenstillstand und dann für eine Art Frieden, als eine weltweite Aufgabe zu begreifen und dann diese Bemühungen auch unter dem Dach der UNO und mit Beteiligung der wichtigsten Länder der Welt durchzuführen. Und seien wir doch ehrlich. Da bringt es gar nichts, moralisch zu argumentieren und die Bestrafung des Bösewichts zu fordern. Da müssen die Interessen beider Seiten benannt und verhandelt werden, da müssen Wege gefunden werden, wo beide Seiten mit leben können. Dass dabei ein umfassender Frieden herauskommen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Aber dass man sich auf ein Handhaben des Status Quo einigen kann, der gewährleistet, dass der Krieg aufhört und die Ukraine inklusive der jetzt besetzten Gebiete wieder aufgebaut werden kann und ihre Sicherheit gewährleistet wird, das sollte doch möglich sein. Das braucht noch kein wirklicher Frieden sein, alle territorialen Fragen und ein wirklicher Frieden kann auf ein späteres Jahrzehnt verschoben werden. Und dieses Jahrzehnt (oder noch länger) könnte dann genutzt werden, die Basis und die Strukturen für ein gemeinsames, europäisches Friedensgerüst auszuloten und aufzubauen.

Und damit komme ich zu unserer Aufrüstung in Deutschland und in Europa

Es wird behauptet, wir sind nicht verteidigungsfähig, unser Militär ist nicht wirklich einsatzfähig und deshalb müssen wir jetzt für unsere Sicherheit viele hundert Milliarden in die Rüstung investieren. Dem ersten Teil des Satzes kann ich zustimmen, dem zweiten Teil eher nicht. Zuerst aber ein kleiner Rückblick auf die Entwicklung der Bundeswehr.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist uns unser Feind aus dem Kalten Krieg abhanden gekommen und es ist passiert, was immer passiert, wenn eine Gefahr wegfällt: man nimmt eine solche Gefahr nicht mehr so richtig ernst, man wird nachlässig. Wir haben auch von der Friedensdividende dieser Zeit profitiert, leider zweigleisig:wir haben an unserer Verteidigung zwar gespart und sie vernachlässigt, dafür aber in Kriseninterventionskräfte für den weltweiten Einsatz investiert. Unser Verteidigungsetat ist in den letzten Jahren trotz der sogenannten Friedensdividende kontinuierlich gestiegen. Kriseninterventionskräfte klingt ganz nett, faktisch gemeint ist aber eine aggressive Vornewegverteidigung unserer (wirtschaftlichen) Interessen.

Schon in den Nuller Jahren des neuen Jahrhunderts musste man dann feststellen, dass viele Waffensysteme der Bundeswehr nicht wirklich einsatzfähig sind, ohne dass sich aber viel änderte. Und spätestens 2014 mit der Annexion der Krim durch Russland und der Einsicht, dass sich Putins Reich auf dem Weg zurück zu imperialer Stärke aufgemacht hat, ist auch der neue, alte Feind wieder auferstanden. Und wieder wurde der marode Zustand unserer Bundeswehr entdeckt. In der Folge wurde der Verteidigungshaushalt Jahr für Jahr ganz erheblich erhöht, so dass in den 8 Jahren von 2014 bis 20022, dem Jahr des Überfalls auf die Ukraine, insgesamt knapp 8o Milliarden Euro zusätzlich ausgegeben wurde. Doch 2022 wurde wieder über genau die gleichen Missstände in der Bundeswehr gejammert, Kanzler Scholz holte zum großen Wumms aus und unser Parlament genehmigte mit großer Mehrheit das 100 Milliarden schwere Aufrüstungsvermögen. 

Ich war und bin frustriert. Wie kann es sein, wenn 2014 ein Missstand festgestellt wird, man 80 Milliarden € zusätzlich ausgibt um eine Verbesserung zu erreichen, und 8 Jahre später hat sich nichts verändert? Was 2014 beklagt wurde, war genauso 2022 die Begründung für die zusätzlichen 100 Mrd. Wo sind denn die investierten 80 Mrd. geblieben? Im Nirwana verschwunden? Muss man nicht erst das Loch im Fass stopfen, bevor man weitere 100 Mrd. rein schüttet? Mein Resümee: Erst das (Verteidigungs)Haus sanieren und ertüchtigen und dann erst investieren. Wenn man jetzt schnell Geld ausgibt und so nebenbei versucht die alten Fehler zu beseitigen, dann sind die zusätzlichen Gelder für die Verteidigung in höchster Gefahr zum Teil nur zu heraus geschmissenen Steuergeldern zu werden. Und jetzt einen Blankoscheck über weitere 500 Mrd. € auszustellen wird meiner Meinung nach die verfahrenen Strukturen nur verfestigen. Das lehne ich ab.

Was sollte man also machen?

Wir haben im Lande einen riesigen Investitionsstau. Unsere Verteidigung soll gestärkt werden, ebenso die Infrastruktur, Bildung, Gesundheitswesen und nicht zuletzt bedarf es noch vieler Gelder, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig und gerecht umzugestalten.

  1. Dafür werden viele 100 Mrd. benötigt, dafür müssen Schulden gemacht werden, dafür muss die Schuldenbremse im Grundgesetz aufgegeben, zumindest aber reformiert werden. Jetzt nur ein Sondervermögen für die Verteidigung und vielleicht auch für die Infrastruktur freizugeben, ist ein absolut falscher Weg. Das wäre ein weiterer Freibrief für das Geldverschwenden ohne die (notwendigen) Reformen, weder im Militärhaushalt noch bei den Investitionen.

  2. Besser und auch zustimmungsfähiger für uns Kritiker ist es also, die Schuldenbremse für die Aufstockung der Verteidigungsausgaben und der anderen Investitionen freizugeben und alles über den normalen Haushalt zu realisieren. Das gewährleistet auch die parlamentarische und auch gesellschaftliche Debatte und Kontrolle über diese Gelder. (was bei einem Sondervermögen nicht unbedingt gewährleistet ist)

  3. Die neue Aufrüstung sollte erst einmal auf das zur Zeit notwendige Material beschränkt werden, die eine Unterstützung der Ukraine absichert und die alle unsere bestehenden Waffen wieder einsatzfähig machen und unsere Bundeswehr befähigt, ihre bestehenden Aufgaben zu erfüllen.

  4. Ganz wichtig, bevor weitere Ausgaben genehmigt und umgesetzt werden, bedarf es einer genauen Analyse, wo die Fehler der Vergangenheit liegen, und entsprechende Verbesserungs- und Bedarfspläne vorliegen. Dann müssen erst die internen Reformen und Verbesserungen auch umgesetzt werden.

  5. Dann sollten die neuen Nato-Ziele nach dem NFM (Nato Force Model) insofern überarbeitet werden, dass sie auch ohne US-amerikanische Beteiligung funktionieren. NFM besagt, dass innerhalb von verschieden Zeitschienen bestimmte Verbände an die Nato-Ostgrenze verlegt werden können (5-10 Tage, 30 Tage und innerhalb von 3 Monaten soll dann eine Truppenstärke von rund 500.000 im Osten stehen können). Der jetzige Plan beinhaltet noch die amerikanische Teilnahme.

  6. Wenn man an diesen (aus meiner Sicht übertriebenen) Zielen festhalten will, dann muss man tatsächlich noch tüchtig nachrüsten. Aber das darf dann nur passieren, wenn die Aufrüstung zum Einen taktisch veraltetes Material (wie Panzer) nicht beinhaltet und zum Anderen die Waffen überwiegend zur (defensiven) Verteidigung gebraucht werden.

7. Das bedeutet vor allem eine gute Flugabwehr und weniger Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, dafür mehr Drohnen (effektiver und billiger als Panzer) und z.B. von Hubschraubern aus abzufeuernde panzerbrechende Geschosse. Vielleicht auch noch eigene Transportflugzeuge.

8. Auch eine bessere Koordinierung und Absprache innerhalb der europäischen Natopartnern ist eine sinnvolle Verbesserung, gemeinsame Technik und Rüstungsproduktion wohl auch.

9. Der Vorstellung und Forderung Trumps, die Europäer müssen noch viel mehr amerikanische Waffen kaufen, darf nicht gefolgt werden. Spätestens mit Trump sollte es allen klar geworden sein, dass die Interessen der USA und Europas nicht immer die gleichen sind. Insofern lehne ich auch das höchst angriffsfähige Waffensystem, die schon georderten F35 ab. Gerade erst hat die USA durch das Stoppen der Ukrainehilfe demonstriert, dass man mit der Nutzung ihrer Systeme erpressbar wird. Die Ukraine konnte ihre neu erhaltenen F16 nicht nutzen, weil deren Zielortungs- und Leitsystem nur mit amerikanischer Software läuft, was auch ausgeschaltet war. Ähnliches könnte jederzeit auch mit den nagelneuen F35 passieren.

10. Dazu gehört auch, dass die modernen Waffensysteme mit viel weniger Soldaten auskommen. Wenn man also modernisiert, muss die Sollstärke nicht unbedingt steigen. Jede Art von allgemeiner Wehrpflicht sollte vermieden werden.

11. Atomwaffen gehören auf jeden Fall nicht zu einem auszubauenden Militärarsenal. Die 515 englischen und französischen Atomraketen reichen völlig aus, um bei einem Atomwaffeneinsatz von Russland auch dieses Land unbewohnbar zu machen. Und es reicht völlig aus, dieses unbeschreiblich dumme und zerstörerische und hoffentlich nie zu benutzende Waffensystem in den englischen und französischen Händen zu belassen. Eine atomare Teilhabe anderer Länder ist völlig überflüssig und kontraproduktiv für die so notwendigen Bemühungen, Atomwaffen gänzlich von der Erde zu verbannen.

12. Auf jeden Fall dürfen die geplanten Mittelstreckenraketen 2026 nicht nach Deutschland kommen, wir müssen alles tun, um dies zu verhindern.

Warum dürfen diese amerikanischen Raketen nicht stationiert werden?

Kanzler Scholz, der ohne jede parlamentarische Behandlung im letzten Jahr seine Unterschrift zu diesen Stationierungsvertrag gab, aber seitdem auch fast alle Militärfachleute und auch die Medien tun so, als wären diese Raketen etwas Sinnvolles für Europas Verteidigung, was uns die Amerikaner dankenswerter Weise zukommen lassen. Wir hätten in diesem Bereich eine Verteidigungslücke, die so geschlossen werden könnte. Dies ist eine absolute Verdrehung der Tatsachen.

Seit über 10 Jahren planen die USA, ihre weltweiten militärischen Einsatzkräfte zu modernisieren, sie effektiver zu gestalten. Sie bauen dafür Multi-Domain Task Forces (MDTFs) auf:

"Multi-Domain Task Forces (MDTFs) der U.S. Army sind die beweglichen Kernverbände für die weitreichende regionale Kriegführung. Sie sollen präzises Feuer und andere Wirkmittel in allen Domänen koordinieren und zur Wirkung bringen, um feindliche A2/AD (anti-access/area denial) Strategien zu durchbrechen. Dazu sollen sie in der Lage sein, durch integrierte Komponenten für Land-, Luft-, See, Weltraum-, Cyber- und Informationseinsätze Bedrohungen rasch zu erkennen und Daten aus allen Domänen ohne Zeitverzug an integrierte Feuereinheiten und andere Wirkmittel weiterzuleiten. Diese sollen dann Ziele über große Reichweiten, mit hoher Präzision und Resilienz gegenüber Abwehrmaßnahmen sofort ausschalten. Die Fähigkeiten sind skalierbar von der strategischen über die operative bis zur taktischen Ebene. Sie sind Teil des „Intermediate Range Conventional Prompt Strike (IRCPS) Program“. Und „Die „Deep Fires“ (Long-Range Hypersonic Weapons = LRHW) Batterie („Dark Eagle“) verfügt über „strategische Angriffswaffen“. Sie soll die feindliche Raketenabwehr und andere A2/AD-Gegenmaßnahmen überwinden, feindliche Langstreckenwaffen zerschlagen und andere „hochwertige und zeitkritische Schlüsselziele“ angreifen.“

Die US-Regierung hat nun angekündigt, Tomahawk-Marschflugkörper, Flugabwehrsysteme vom Typ SM-6 und Überschallwaffen (Dark Eagle) in Deutschland zu stationieren. Dies soll ab dem Jahr 2026 passieren. Die angekündigten Überschallraketen werden zurzeit noch entwickelt. Sie kombinieren eine besonders

hohe Geschwindigkeit mit einer großen Manövrierfähigkeit. Dadurch können solche Waffen nur schwer von einem Gegner abgefangen werden.Diese konventionellen (aber auch atomar bestückbaren) Mittel- und Langstreckenraketen sind eindeutig auch als Erstschlagswaffen einsetzbar. 

Die USA haben bereits 2017 mit der Aufstellung von fünf MDTFs begonnen. Zwei sollen der indo-pazifischen Region und eine Europa zugeordnet werden, eine weitere ist für die Arktis oder „multiple“ Bedrohungen im Indopazifik vorgesehen, und eine soll in den USA als globale Reserve verbleiben. Die endgültige Stationierung scheint aber von der politischen Lageentwicklung abzuhängen.

Das Ganze bedeutet also zweierlei:

  • Erstens, die Stationierung hat im Prinzip nichts mit einer europäischen Verteidigung zu tun, sie dient der weltweiten militärischen Eingriffsmöglichkeiten der USA.

  • Und zweitens, wenn es mal eine Auseinandersetzung oder einen Krieg mit Russland geben sollte, dann hat Europa gar keinen direkten Zugriff auf diese Waffen und diese Raketenstellungen wären mit Sicherheit eines der ersten zu zerstörenden Ziele. Kein anderes Land in Europa hat deshalb eine solche Stationierung bei sich im Lande zugelassen.

Es ist auch nicht vorgesehen, diese Waffen bei irgendeinem Versuch einer friedlichen Regelung oder bei Abrüstungsbemühungen wieder abzubauen. Selbst wenn es hoffentlich mal in Europa zu neuer Abrüstung kommen sollte, so haben die Europäer keine Chance, über diese Waffen mitzubestimmen und sie in solche Verhandlungen mit einzubeziehen. Kurz, diese Stationierung steht im Widerspruch zu deutschen Interessen, sollte unbedingt verhindert werden und zeigt nur wieder einmal, wie unterwürfig sich deutsche Politiker gegenüber den Amerikanern verhalten.

Zum Schluss möchte ich die Frage der Überschrift beantworten, ist die geplante Aufrüstung – notwendig oder Wahnsinn?

Notwendig? Nein!

Die Gefahr, dass Russland eine Auseinandersetzung mit der NATO als möglich in Betracht zieht, ist äußerst unwahrscheinlich. Zum Einen: Die Zahlen am Anfang belegen eindeutig, dass der Westen auch ohne die USA Russland in Schach halten kann, zumindest was das Material und die Sollstärken angeht. Wenn jetzt in ganz Europa die Hausaufgaben erledigt werden und der Bestand in Schuss gebracht und teilweise ausgebaut wird, dann bleibt Russland dem Westen deutlich unterlegen. Und das reicht zur Abschreckung, alles was darüber hinausgeht ist Steuerverschwendung, Staatszerrüttung und Zukunftszerstörung und schürt nur neue Ängste bei den Russen mit der klassisch folgenden Rüstungsspirale. Und zum Anderen: Russland ist nicht ausreichend kriegstüchtig für eine Auseinandersetzung mit der Nato. Die Verluste durch ihren Ukraine-Überfall sind dermaßen horrend, dass ein weiteres Abenteuer unmöglich realisiert werden kann. Ja, die russische Kriegswirtschaft läuft auf Hochtouren, alles wird in diesen Kreislauf hinein geworfen, so dass am Ende sogar noch ein Wirtschaftswachstum herausspringt. Aber die Produktionsstätten sind zu wenige, der Nachschub zu gering, die Technik zu veraltet, als dass mehr herauskommen würde, um die Verluste auszugleichen. Und das reicht bei weitem nicht für einen Schlagabtausch mit uns. Es braucht noch lange, für Russland einen siegfähigen Standard aufzubauen. Das Gleiche gilt für die Personalstärke. So leicht kann man die vielen hundert tausend getöteten oder verletzten Soldaten nicht ersetzen und die Neuen dann noch vernünftig ausbilden. Vor allem, wenn die private Wirtschaft auch noch durch die vielfältigen Sanktionen vor die Hunde geht. Bei allem staatlichen Terror und der medialen Gehirnwäsche, die Menschen werden das nicht ewig ertragen.

Wahnsinn? Ja!

Unser Bundeshalt für 2025 ist geplant mit 488,610 Mrd. Euro. 2% vom BIP wären jährlich 82,935 Mrd. € für die Verteidigung. Oder aber 17% vom gesamten Bundeshaushalt, seit dem Zusammenbruch der UDSSR eine nie erreichte Höhe. 2014 (Jahr der Krim-Annexion) lag der Verteidigungsetat bei ca. 32 Mrd.€, 2022 (Überfall auf die Ukraine) bei 50,4 Mrd.€. In diesen 8 Jahren wurden insgesamt also zusätzlich knapp 80 Mrd.€ mehr für die Bundeswehr ausgegeben als ohne diese Erhöhung, nur um 2022 wieder festzustellen, wie marode und investitionsbedürftig unsere Armee ist. 2024 lag der offizielle Etat bei knapp 52 Mrd.€, der Gesamthaushalt bei 465 Mrd., das sind also ca. 11% für die Verteidigung. Für die Jahre 2025 – 2027 sind jeweils 53,5 Mrd.€ für Verteidigung vorgesehen, ab 2028 dann jährlich 80 Mrd.€. Das wären dann ca. 15% vom Gesamthaushalt oder knapp 2% vom BIP. Das alles gerechnet ohne jedes Sondervermögen.

Das bedeutet, zusammen mit den Sondervermögen werden wir in Deutschland jedes Jahr rund 90 Mrd.€ für unsere Verteidigung ausgeben , also fast 3 x soviel wie 2014!!! Haben wir, oder werden wir haben, eine 3 x so große Bundeswehr? Unfug, aber wo bleibt dann nur das viele Geld? Hier sollten wir uns nicht für dumm verkaufen lassen. Wenn jetzt fast alle, auch Spitzenleute der Grünen, eine Erhöhung der Militärausgaben auf 3.5% vom BIP fordern und inzwischen fest davon ausgehen, dann bedeutet das umgerechnet ca. 158 Mrd.€ oder über 30% des Gesamthaushalts. Wer das ernsthaft durchsetzen möchte, der legt ein Grundstein für die Zerstörung unserer Gesellschaft. Da braucht es gar keinen Überfall der Russen mehr. Wenn jetzt sogar 5% des BIP für das Militär gefordert wird, wären das ca. 226 Mrd.€ oder 45% des Gesamthaushalts.

Für mich ist das alles unmöglich, der reinste Wahnsinn!!

Mein Text ist viel zu lang geworden, ich weiß. Trotzdem noch ein Blick in die Zukunft. Es heißt, der ganze Pazifismus der 1990er Jahre wäre krachend gescheitert, mit Putins Eroberungskrieg sind wir wieder in der harten Realität angekommen. Ich empfinde solche Äußerungen, eine solche Haltung als völlig ignorant. Beziehungen, Interaktionen und auch Haltungen sind keine einmal festgelegten Erscheinungsformen. Sie werden beständig in Frage gestellt und müssen kontinuierlich gepflegt und auch verteidigt werden. Wie eine Liebe. Die Liebe ist nicht einfach da und man kann sich darauf ausruhen. Nein, man muss sich um sie kümmern, muss sich für sie engagieren, sonst vergeht sie. Ähnlich ist es im gesellschaftlichen Rahmen. Eine Demokratie oder auch demokratische Strukturen müssen sich immer wieder bewähren, unterliegen ständigen Angriffen, bedürfen des Engagements. Gleiches gilt für den Frieden. Sich auf ihn auszuruhen und potentielle Gefährdungen zu ignorieren, das kann nicht funktionieren. Auch ein Frieden will gepflegt und behütet werden, muss immer wieder in Frage gestellt und verteidigt werden. Interessen möglicher Gegner müssen ernst genommen und berücksichtigt werden. Oder anders ausgedrückt, Frieden ist kein Selbstläufer, er muss kontinuierlich gelebt werden.

Und das war der Kardinalfehler der 1990er Jahre: Es war nicht eine naive pazifistische Phase, die nicht funktionieren konnte, das Problem war, dass sich kaum jemand im Westen um den Erhalt des Friedens kümmerte. Gorbatschows Angebot, eine gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur aufzubauen wurde ignoriert, in den chaotischen Jelzin-Jahren wurde Russland wie eine Bananenrepublik behandelt und war danach nur noch ein interessanter Rohstofflieferant. Frieden war kein Thema mehr, es ging nur noch

darum, die eigenen wirtschaftlichen und geopolitischen Vorteile zu nutzen. Statt Kooperation die eigene Stärke auszunutzen, den eigenen Einfluss auszubauen. Der Wechsel Russlands zu neuem imperialen Verhalten wurde so vorprogrammiert. Nicht naiver Pazifismus hat uns die heutigen Probleme beschert, sondern ein komplettes Versagen, den möglichen Frieden bewusst mit Kooperation und Partnerschaft zu pflegen und auszubauen.

Nicht naiver Pazifismus hat uns die heutigen Probleme beschert, sondern ein komplettes Versagen, den möglichen Frieden bewusst mit Kooperation und Partnerschaft zu pflegen und auszubauen.

Die Lehre kann also nicht lauten, stärker aufzurüsten als der potentielle Gegner, enorme Ressourcen zu vergeuden und mit steigender Klimaerwärmung unsere Welt auch ohne Krieg kaputt zu machen. Wobei unabhängig davon die Gefahr eines großen Krieges mit zunehmenden Rüstungsausgaben logischerweise auch enorm zunimmt, und sei es auch nur aus Versehen. (die größte Rendite einer auf Überlegenheit ausgelegten Aufrüstung erbringt nicht die Abschreckung, sondern der Einsatz der Waffen für einen Sieg)

Die Lehre kann deshalb nur lauten: Verteidigungsfähigkeit ja, aber Vermeidung von jeder Art einer Bedrohung. Aufbau einer partnerschaftlichen Beziehung mit gemeinschaftlicher Sicherheitsarchitektur. Respekt vor der Andersartigkeit und gegenseitiges Kennenlernen. Das Alles bedarf eines langen Atems, Geduld und Ausdauer, aber es gibt keine wirkliche Alternative dazu.

                        13. März 2025, erweitert am 1. April 2025 Josef

euer Kommentarfeld

Dies ist für euch

     Teil 2           Zu unserer (west)europäischen Aufrüstung

Wir haben neben vielen anderen thematisierten Problemen auch noch ein recht wenig untersuchtes: Die Diskussionsfähigkeit in unserer (und anderer) Gesellschaft ist ziemlich verloren gegangen. Vertreterinnen unterschiedlicher Meinungen hören sich gegenseitig kaum noch zu, sehen sich fast nur noch als Gegner. Ich vermisse die Offenheit, die Nachdenklichkeit, das sich selbst Infragestellen. Und auch die Bereitschaft, zusammen mit den Andersdenkenden eine gemeinsame Einschätzung, ein gemeinsames Handeln oder Lösen des Problems zu suchen. Ich habe Recht, du liegst falsch – dir brauche ich gar nicht erst zuhören – diese und ähnliche Haltungen scheinen die Oberhand in der Gesellschaft zu gewinnen.

Mit diesen Gedanken im Kopf möchte ich noch einmal (deshalb Teil 2) auf das Kriegsgeschehen in Europa und der damit verbundenen neuen Aufrüstung eingehen.

Trotz vieler Zwischenschattierungen kann man auch zu diesem Thema zwei Hauptlager feststellen: Einmal die Einschätzung, dass Russlands Überfall und Krieg gegen die Ukraine nicht nur ein großes Verbrechen und ein Völkerrechtsbruch ist, weswegen man mit allen Mitteln der Ukraine helfen muss, um Russland aufzuhalten. Sondern Russlands neue imperiale Ansprüche gehen auch über die Ukraine hinaus und gefährden (zumindest) die östlichen EU-Länder, so dass sich (West)Europa massiv anstrengen und aufrüsten muss, um perspektivisch sich gegenüber Russland behaupten zu können. Oder auch ein anderer Gedankenstrang, von vorneherein durch eine glaubhafte Abschreckung jede weitere russische Aggression zu verhindern. Ganz wichtig sind diese Anstrengungen auch, um handlungsfähig zu bleiben falls die USA als verlässlicher Bündnispartner wegbrechen sollte

Die andere Gruppe, zu der ich mich als selbst erklärter Pazifist zählen würde, sieht die Gründe für Russlands neuer Aggression nicht nur in deren neu erwachten Großmachtstreben, sondern auch in den vielen Fehlern, die nach der Auflösung der UdSSR durch die Nato-Staaten gemacht wurden: Im Ignorieren von Russlands Sicherheitsinteressen und später dann durch den Verzicht auf Kompromisse. Und diese andere Gruppe sieht durch die Fixierung auf eine rein militärische Lösung eine sich zuspitzende Konfrontation mit der Gefahr einer fürchterlichen Eskalation. Deshalb gehört, trotz der Unwilligkeit Putins, ein viel größeres Gewicht auf die Bereitschaft zu Kompromissen und Verhandlungen, die Bereitschaft, sich um gemeinsame Sicherheit zu bemühen und die Suche nach Abrüstung statt Aufrüstung.

Die einen werden Militaristen und Kriegstreiber genannt, die anderen naiv und Putinversteher. Beide Schubladenzuschreibungen sind Unfug und nicht hilfreich für einen Dialog. Wenig hilfreich für eine gedeihliche Diskussion ist es auch, die jeweils anderen mit Extrempositionen gleichzusetzen. Z.B. gibt es (wenige oder richtige?) Pazifisten, die prinzipiell alle Waffen ablehnen. Diese Haltung allen Pazifisten anzudichten, ist aber falsch.

Ich versuche jetzt mit diesem Text, die jeweils wichtigsten Gegenpositionen darzustellen, die Unterschiede, aber auch die möglichen Gemeinsamkeiten hervorzuheben, um dann aber auch mögliche Kompromisse heraus zu arbeiten. Natürlich werden meine Überzeugungen hier überwiegen. Diesen Text zu schreiben bedeutet aber eben auch eine Einladung, mir gegensätzliche Gedanken oder Positionen zukommen zu lassen, so dass eine respektvolle Diskussion miteinander geführt werden kann. Dann los.

Ich denke, die beiden folgenden Punkte sing bei allen Seiten unumstritten

  • Der Überfall Russlands und der Krieg gegen die Ukraine ist nicht nur ein Völkerrechtsbruch, es ist ein schlimmes Verbrechen und in der Art der Ausführung (völlige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Zivilisten und der Infrastruktur) und der gezeigten Brutalität ist er auch absolut verurteilenswert. (unabhängig davon, dass dieser Krieg auch durch Fehler und falsche Politik des Westens befeuert wurde)

Daraus folgere ich die 2. Übereinstimmung:

  • Nachdem die Ukraine für sich das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nimmt, ist es richtig und wichtig die Ukraine zu unterstützen, und zwar auch mit Waffen.

Dieser 2. Punkt ist aber erklärungsbedürftig, denn zu diesem Punkt verzweigen sich die Meinungen noch weiter und es gibt mindestens noch eine dritte größere Meinungsgruppe


Tatsächlich war ich vor dem 22. Februar 2022 der festen Überzeugung, dass Russland die Ukraine nicht überfallen würde, und wenn doch, sollten die Ukrainer lieber sich wehrlos ergeben als Widerstand zu leisten. Sich dieser großen Überlegenheit zu widersetzen, würde viel Leid, Tod und Zerstörung für die Ukraine zur Folge haben. Sich von Russland beherrschen und unterdrücken zu lassen, wäre das kleinere Übel, bei dem zwar mit viel Leid, aber wenigstens nicht mit vielen Toten und Zerstörung zu rechnen wäre und was mit Hilfe von westlicher Unterstützung und Sanktionen und zivilen Widerstands nach mehreren Jahren vielleicht auch wieder rückgängig gemacht werden könnte. Nachdem sich aber offensichtlich die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung gegen eine solche Reaktion und für eine Verteidigung ihres Territoriums entschieden hat, muss ich das natürlich respektieren und bin seitdem auch für eine Unterstützung der Ukraine – und dazu gehören dann eben auch, wenn die Hilfe Sinn machen soll, die Waffenlieferungen.

Und mit dieser meiner Haltung sind viele aus der mir vorher zugewiesenen Gruppe gar nicht einverstanden, so dass ich als die 3. Gruppe diejenigen bezeichnen würde, die absolut gegen jede Waffenlieferungen sind. Diese sind der Meinung, jede Art von Waffenlieferungen befördern und erhöhen die Gewaltspirale, nicht nur mit immer mehr Tod und Zerstörung, sondern eben auch mit der zunehmenden Gefahr, dass es bis zu einem großen Krieg in ganz Europa eskalieren kann.

Ich denke, allen drei Positionen kann man eine Wahrscheinlichkeit, dass sie richtig liegen. nicht absprechen Alles ist möglich, niemand weiß im Voraus, wie es weiter geht. Was bedeutet, wir sollten alle drei Variationen ernst nehmen, nicht gleich die anderen Meinungen als falsch abtun.da

Hier nun mein Versuch einer Abschätzung, erst einmal verkürzt und vereinfacht

  • Die (auch) in den Medien am meisten vertretene erste Gruppe ist der Meinung, man muss massiv der russischen Aggression entgegentreten, muss Putin besiegen, man muss also soviel, auch weitreichende, Waffen der Ukraine zur Verfügung stellen, dass alle Gebiete befreit werden können und Putin damit klar gemacht wird, dass der Westen stark genug ist, sich allen weiteren russischen Expansionsplänen zu widersetzen.

Meine Position dazu: Diese Zielsetzung scheint (nur moralisch gesehen) durchaus richtig zu sein, ist aber leider nicht realistisch. Nach drei Jahren Krieg, bröckelt auch in dieser Gruppe allerdings der Glaube an einen solchen Erfolg. Spätestens jetzt gegen Ende des Jahres 2025 muss dringend Einigkeit über den nächsten Weg gefunden werden. Russland hat trotz aller Verluste und aller Probleme nicht nur die Fähigkeit, die Front noch längere Zeit (Jahre?) aufrecht zu erhalten und mit Drohnen und Raketen den Rest der Ukraine weiter zu zerstören, es scheint, ihre Soldaten können zwar langsam, aber doch stetig immer mehr Gebiete erobern. Wenn die Ukraine standhalten soll, erst recht wenn man die Besatzer wirklich aus dem Land treiben möchte, werden alle weiteren Waffenlieferungen nicht ausreichen. Um das Ziel, die Besatzer wieder zu vertreiben, zu erreichen, müsste die Nato bereit sein, selbst auch mit eigenen Waffen und Personal einzugreifen. Ich denke, es wird Zeit, sich dieser Realität zu stellen.

Was bedeutet nun diese Realität? Die jetzige Situation, nur Waffen an die Ukraine zu liefern bedeutet, dass Tod und Zerstörung weiter gehen, genauso wie auch das kontinuierliche weitere Vorrücken der Besatzung – bis einer Seite endlich die Luft ausgeht, wahrscheinlich zuerst der Ukraine. Und die zweite mögliche Entwicklung, ein direktes Eingreifen der Nato kann wiederum zwei Folgen hervorrufen: Entweder knickt Putin ein, beendet seine Aggression und lässt sich auf Verhandlungen ein, wie der Krieg beendet werden kann. Die Wahrscheinlichkeit für diese Reaktion halte ich allerdings für sehr gering. Wahrscheinlicher scheint mir als Folge einer direkten Beteiligung der Nato zu sein, dass die Front in der Ukraine zwar zum Stillstand kommen kann, der Krieg sich dafür aber ins Hinterland Russlands und in die Nato-Staaten verlagert. Dort und bei uns geht die Zerstörung los und bevor Russland zu verlieren droht, muss man auch mit dem Einsatz von deren Atomwaffen rechnen. Diese beiden möglichen Folgen einer Politik der Stärke, die auf militärische Erfolge baut, sind beide für mich nicht akzeptabel, deshalb sollte ein anderer Weg gefunden werden.da

  • Was hat die dritte Position, gar keine Waffen mehr zu liefern, für Folgen?

 

Die entscheidende, gute Folge, die auch für diese Haltung die Unterstützung so vieler Menschen generiert, ist das relativ schnelle Ende des Sterbens und der Zerstörung, das Ende des Krieges. Denn die Ukraine könnte sich ohne weitere Waffenlieferungen nicht mehr lange verteidigen und muss kapitulieren, Russland übernimmt die Herrschaft über die Ukraine.

Soweit so gut. Meine Position dazu: Allerdings muss man auch die zwei möglichen negativen Folgen berücksichtigen: Zum einen erwarte ich nach diesen drei oder vier schrecklichen Kriegsjahren auf beiden Seiten viel Wut und Hass, die ein gedeihliches Miteinander-Leben schier unmöglich machen. Die Soldaten des Siegers werden ihren ganzen Frust und Hass wohl ausleben, auf Strafe aus sein, so dass das neue Leben der Ukrainer (der weiblichen und der männlichen) nicht sehr rosig aussehen wird, wenn nicht sogar unerträglich. Viele werden die Ukraine verlassen und sich ein neues Leben woanders aufbauen müssen.

Zum anderen steht die Furcht im Raum, wenn Putin mit seinem brutalen Überfall so erfolgreich ist, wenn er sieht, dass die Nato nicht willens (oder noch schlimmer, nicht in der Lage ist) ihn aufzuhalten, dass er mit der Eroberung der Ukraine nicht Halt macht, sondern er und das ganze Russland sich in ihren Bestrebungen bestätigt sehen, Russland (wieder) noch größer und erfolgreicher zu machen. Was bedeutet, sich noch weitere Gebiete der ehemaligen Sowjetunion einverleiben zu wollen.

Diese Furcht klingt plausibel. Vor allem würde es in unserer sich immer mehr destabilisierenden Zeit ein schlechtes Zeichen für alle anderen Konflikte in der Welt setzen, dass nämlich Rechtsbruch und Gewalt eine erfolgreiche Strategie sein können. Insofern erscheint mir das Einstellen aller Waffenlieferungen an die Ukraine, trotz eines schnellen Endes des Krieges, nicht die richtige Lösung zu sein.

  • Damit bleibt für mich als gangbarer Weg nur die verstärkte Bemühung über Verhandlungen ein Ende des Krieges zu erreichen, wobei man der Ukraine bis dahin genügend effektive Waffen liefern sollte, damit sie sich weiterhin verteidigen und einen weiteren Vormarsch der Russen verhindern kann. Wobei wir aber auch ehrlich sein müssen – dies ist kein einfacher Weg, er hat und schafft auch viele Probleme, die erst einmal gelöst werden müssen. Tod und Zerstörungen würden erst einmal auch weiter gehen, niemand weiß wie lange es dauern wird und wie soll verhandelt werden, wenn keine Seite wirklich bereit dazu ist. Dazu noch die Uneinigkeit in EU und Nato, zunehmende Müdigkeit und die Ablehnung weiterer Hilfe für die Ukraine in weiten Teilen der Bevölkerung.

Dafür möchte ich zuerst wieder einen Schritt zurück gehen und versuchen, für alle an diesem Thema interessierte Personen akzeptable Ziele zu formulieren: wir alle wollen, das denke ich mir jedenfalls, dass

  1. Tod, Leid und Zerstörung möglichst schnell aufhört

  2. die Ukraine als selbständiges Land eine Zukunft hat

  3. nicht nur die Ukraine, sondern alle östlichen Länder Europas keine Angst vor neuen Aggressionen haben müssen

  4. in Zukunft wieder ein friedliches Europa möglich wird

Wer diesen 4 Zielen zustimmt, kommt meiner Meinung nach nicht drum herum, auch folgende Aussagen zu akzeptieren:

zu 1. - Die russische Seite zeigt bisher keine wirkliche Bereitschaft von ihren Maximalforderungen abzugehen, das gilt aber auch für die westliche Seite, die auf die Kapitulation Russlands, bzw. auf die komplette Räumung der Ukraine nicht Abstand nehmen will. Es sollte klar sein, dass die Waffen nur schnell schweigen werden, also ein Waffenstillstand zustande kommt, wenn man aufeinander zugeht, Zugeständnisse macht. In diesem konkreten Fall bedeutet das für uns im Westen, Empörung, Entsetzen, Wut und Hass auf die russischen Verbrechen beiseite zu lassen und für Russland akzeptable Angebote zu machen. Auch wenn es schwerfällt.

Zu 2. - Zu diesen Zugeständnissen gehört auch, weil für Russland essentiell, dass die Ukraine nicht zur Nato gehören darf und dort auch keine Waffen der Nato stationiert werden dürfen. Ebenso, dass es auf beiden Seiten der Grenze eine breite, entmilitarisierte Zone ohne schwere Waffen und ohne Manöver geben sollte.

Zu 3. und 4. - Dies ist das schwierigste Thema. Aber wenn man die riesige Aufrüstung des Westens nicht als Lösung ansehen und akzeptieren kann (warum, dazu komme ich später, genauso zu Russlands Aufrüstung), dann bleibt als logische Schlussfolgerung nur der Versuch, ein friedliches Europa gemeinsam mit Russland zu erbauen.da

Warum erreicht man (meiner Meinung nach) mit dem Vorgehen der 1. und der 3. Gruppe diese Ziele NO. 3 und NO. 4 nicht?

Noch einmal zu Gruppe 3, keine Waffen mehr zu liefern: Diese Haltung ist mir durchaus sympathisch, denn sie geht von drei Annahmen aus: Die Ukraine ist schnell nicht mehr verteidigungsfähig, von daher geht der Krieg auch schnell zu Ende, das Töten und die Zerstörungen hören auf. Zweitens die russische Führung ist trotz ihrer vielen verbalen Äußerungen zu weiteren territorialen Eroberungen eher friedlich eingestellt; wichtig sei ihr vor allem ihre Sicherheit und von daher strebt sie eine entmilitarisierte Pufferzone zur Nato an. Von daher ist es für die westliche Seite fundamental, die Sicherheitsinteressen Russlands zu respektieren und auch dementsprechend zu handeln. Was bisher sträflich unterlassen wurde. Und drittens die Überzeugung, weitere Waffenlieferungen bewirken nur eine immer weitreichendere Rüstungsspirale auf beiden Seiten, die dann letztendlich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zum großen Krieg führen könnte.

 

Ich stehe mit meinem Denken Teilen der neorealistischen Schule um John Mearsheimer nahe, dass es nämlich den großen Mächten immer wichtig ist, ihre Macht zu erhalten. Und Macht zu erhalten bedeutet Bestehendes zu sichern. Und vielfach wird in heutiger Logik als zentrales Element dieser Sicherung die Vergrößerung der eigenen Macht angesehen, sprich die Eroberung weiterer Märkte und Länder.

Ich bin auch der Meinung, dass es nach der Zeitenwende 1990, im großen Taumel als Sieger aus dem Kalten Krieg heraus zu kommen, ein riesengroßer Fehler der Natoländer war, in den 10 chaotischen Jahre unter Jelzin Russland als nicht mehr wichtige Bananenrepublik zu behandeln. Annäherungs- und Kooperationsversuche Russlands wurden weitgehend ausgeschlagen und später die Sicherheitsbedürfnisse des unter Putin wieder erstarkenden Russlands ignoriert. Ich denke schon, dass die westlichen Fehler mit beigetragen haben zum Entstehen des Ukraine-Krieges. Und dass wir endlich über diese Zeit ideologiefrei miteinander diskutieren sollten. Was aber nicht bedeuten kann, dass die Nato für diesen Krieg verantwortlich ist. Nein, die alleinige Schuld trägt die russische Führung, sie überfällt völkerrechtswidrig und verbrecherisch die Ukraine, das ist nicht akzeptabel und unentschuldbar.

Das Problem an der Haltung, keine Waffen zu liefern, ist allerdings, dass sich der Lohn dieser "friedfertigen" Haltung nicht einstellen wird. Auch wenn sich Russland nach Ende des Krieges zurückhaltend und nicht weiter aggressiv geben sollte (was für viele utopisch ist), keiner wird ihm im Westen vertrauen können. Die realen Ängste der baltischen und Teilen der osteuropäischen Länder, und die geschürten Ängste bei uns, bleiben bestehen. Die Militärausgaben werden wie jetzt geplant gewaltig steigen. Und um die hohen Kosten und die damit verbundenen sozialen Verwerfungen im Lande zu rechtfertigen, wird auch weiter das Feindbild Russland befördert. Das alles befördert natürlich auch wieder die Ängste in Russland, auch dort wird also weiter die Rüstung hochgefahren - und wir verbleiben in der Rüstungsspirale mit der dazugehörenden zunehmenden Gefahr einer heißen, kriegerischen Auseinandersetzung. Kurz: ich kann nicht sehen, dass der Verzicht auf Waffenlieferungen uns den Weg zu einem friedfertigen Europa erleichtert.

Ähnliches gilt für die 1. Gruppe, die mit militärischen Mitteln die Russen aufhalten oder gar zurückdrängen möchte. Ich kann für diesen Weg keinen positiven Effekt erkennen. Der Krieg mit all seinem Leid geht erst einmal weiter, es ist nicht abzusehen, wann einer der beiden Seiten die Luft ausgeht. Die Gefahr, dass es zum großen Krieg zwischen Nato und Russland kommt, bleibt sehr groß und dass man dann irgendwann nach Ermüdung einer oder beider Seiten vom Wettrüsten wegkommen und ein gemeinsames Europa aufbauen kann, diese Entwicklungsmöglichkeit sehe ich nicht. Für diesen auf militärische Stärke setzende Weg gibt es eigentlich nur einen einzigen positiven Ausgang für die westliche Staatengemeinschaft: Russland wird irgendwann besiegt und kapituliert. (Wobei aber wohl allen, die die militärische Situation realistisch einschätzen, klar ist, dass dies nur zu erreichen wäre, wenn die Nato aktiv der Ukraine zur Seite springt, mit eigenem Gerät und Personal eingreift. Mit Folgen, wie oben beschrieben.) Bevor aber Russland kapituliert, die russische Führung um Putin ihre Macht verliert und vielleicht gar noch zur Rechenschaft ihrer Taten herangezogen werden, also spätestens davor, und da bin ich mir ziemlich sicher, wird die russische Seite ihre atomaren Raketen einsetzen. Es tut mir leid, aber dieses Szenario des Besiegens Russlands, halte ich für unverantwortlich und völlig inakzeptabel.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle noch etwas ausführlicher eingehen auf die Probleme einer verstärkten Aufrüstung. Ich habe als Pazifist die Möglichkeit und die Fähigkeit zu einer Verteidigung nie wirklich in Frage gestellt. Ich habe immer versucht zu unterscheiden zwischen Verteidigungs- und Angriffswaffen. Das eine braucht man, das andere sollte vermieden werden. Ich muss inzwischen anerkennen, dass diese Unterscheidung heutzutage so eindeutig nicht mehr möglich ist, die meisten Waffen sind für beide Zwecke tauglich. Trotzdem ist aber anhand der Bewaffnung die Ausrichtung der Strategie erkennbar, ob sie eher eroberungs- oder verteidigungsorientiert ist. Insofern bleibt die Anwendungsfrage der verschiedenen Waffensysteme durchaus diskussionswürdig.

Bevor ich aber in diese Diskussion einsteige, muss ich noch auf die (für mich) grundsätzliche Fragwürdigkeit unserer jetzt vorgesehenen Aufrüstung und die angestrebte "Kriegsfähigkeit" eingehen. (Warum redet niemand über unsere Friedensfähigkeit?)

Den maroden Zustand unserer Bundeswehr und auch die unbefriedigende Zusammenarbeit in der Nato kann auch ich nicht leugnen. Hier besteht absolut Handlungsbedarf. Was aber machen unsere Regierungen? Bevor man nicht konkret weiß, was nicht funktioniert, was wo fehlt, bevor nicht die Kommunikation richtig klappt, bevor man sich mit seinen Partnern nicht abgesprochen und geeinigt hat, bevor also nicht endlich Ordnung geschaffen ist in diesem maroden Laden, solange macht es doch keinen Sinn, sich so viel neues Material zuzulegen und damit quasi das Durcheinander, die eigene Blockade, nur noch größer zu machen. Das geht so nicht. Nachdem 2014, nach dem Putsch und dem Eingreifen russischer Truppen der Krieg in der Ukraine eigentlich losging, wurde zum wiederholten Male der untaugliche Zustand der Bundeswehr beklagt und der Verteidigungsetat deutlich aufgestockt. Als dann 2022 die russischen Truppen in die Ukraine einmarschierten, wurde wiederum über den Zustand der Bundeswehr gejammert und der 100 Mrd. € schwere Doppelwumms aufgelegt. Sorry, wo bleiben die Fragen, wo denn die bisherigen zusätzlichen 80 Mrd. €, mit denen der Bundeswehretat in den 8 Jahren davor aufgestockt wurde, wo sind die geblieben? Warum ist 2022 die Bundeswehr immer noch marode, warum im Jahre 2025 auch noch? Wo bleibt die Aufarbeitung dieser Fragen?

Sorry, so geht das nicht. Erst das Haus in Ordnung bringen, dann renovieren. Sonst gehen von diesen vielen hundert Milliarden € Verteidigungsinvestitionen viele davon wieder verloren, weil sie unnötig sind, weil alles nicht so richtig zusammenpasst oder es irgendwo im Korruptionssumpf verschwindet. Und weil die "Fachleute" in der Vergangenheit so versagt haben, muss mehr Transparenz her. Was, wo und wie wir verteidigen, das gehört erst einmal in einer öffentlichen Debatte diskutiert zu werden. Wir wollen uns nicht immer wieder verarschen lassen. Ohne all diese Maßnahmen, wird der Schaden nicht mehr zu reparieren sein und noch mehr Geld wird fehlen für die so notwendigen Infrastruktur-Investitionen. Da brauchen wir keinen Krieg mehr, wenn wir unser Land selbst kaputt machen.

Und das Argument, wir haben keine Zeit, in 5 Jahren ist Russland soweit wieder aufgerüstet, dass es uns angreifen kann - dieses Argument ist für mich, wieder sorry, dummes Gerede. Die Verluste durch den Ukraine-Krieg ist bei Menschen und Material so verlustreich, dass Russland erst eher in 10 statt in 5 Jahre wieder angriffsfähig sein wird. Zumal immer noch die Kapazitäten als auch die Ressourcen für ein schnelles und effektives Aufrüsten in Russland fehlen.

Zurück zu unserer in Deutschland geplanten Aufrüstung

Wir sollen ja insgesamt 5 % unseres BIP für die Verteidiung erreichen, das wären im Jahr 2025 bei einem Bundeshaushalts von 500 MRD. € dann mit 220 Mrd. € runde 44 %

Zwei Folgen wären für mich offensichtlich, einmal innenpolitisch, einmal außenpolitisch. Da wir eine Regierung haben, die auf keinem Fall die extrem hoch Vermögenden finanziell mehr belasten möchte, keine Erbschafts-, Vermögens- und Transaktionssteuern erheben und die großen Steuerflüchtigen nicht verfolgen will, gibt es auch keine zusätzlichen Einnahmen. Es muss also gespart werden und das tut weh, egal ob im sozialen Bereich oder bei der Infrastruktur. Es wird unsere Gesellschaft zerreißen, sei es durch Demonstrationen und Verteilungskämpfe, sei es durch Wahlerfolge der rechten Populisten, die sowieso schon den Ärger und die Wut auf die Eliten und ihre Institutionen lenken, oder sei es gar durch beide Reaktionen. Ich würde uns jedenfalls gerne diese Entwicklung ersparen.

Auch die außenpolitischen Folgen sind dramatisch. Es wird behauptet: Wir machen doch nichts Verwerfliches, wir werden bedroht, nach der Ukraine werden sich die russischen Imperialisten die nächsten Länder im Osten einverleiben und unsere gesamte europäischen Strukturen gefährden. Wenn wir uns nicht wehren. Dafür müssen wir unsere marode Verteidigung wie auch unsere Soldaten wehrtüchtig (kriegstüchtig?) machen. Wir bedrohen doch keinen, wir schrecken mit unserer neuen Stärke nur jeden Aggressor ab, mit der wahrscheinlichen Wirkung, dass es dadurch gar nicht erst zum Krieg kommen wird.

Gut gebrüllt Löwe, aber es kann auch anders kommen.

Versuchen wir doch mal, uns in die Rolle der russischen Führung zu versetzen (auch wenn das nur Spekulationen sein können) Die Finanzen, die Personalausstattung, das verschiedene Material von der Haubitze bis zum Flugzeug, in allen Bereichen haben die Nato-Staaten in der Summe mehr als die Russen, auch ohne Kanada und die USA mit einzubeziehen. Einzige Ausnahme sind die Atomwaffen. Diese Tatsachen sind natürlich auch den Russen bekannt, deshalb besteht ja auch, nach ihren großen Verlusten im Ukraine-Krieg, für uns im Westen aktuell sowieso kein Grund vor einem weiteren Überfall Angst zu haben. Mit der geplanten Aufrüstung sehen die Russen jetzt, dass in Europa die Schwachstellen ihrer gemeinsamen Verteidigung beseitigt und zusätzlich massiv verbessert werden soll. Und zwar in einer Größenordnung, mit der sie selbst gar nicht mithalten können. Und so erscheint es mir nur logisch, dass sie sich fragen, warum machen die das? Warum strebt die Nato eine solche Überlegenheit an? Und diese Überlegungen und die Schlussfolgerung daraus, die wollen uns klein halten, wir müssen dagegen halten, die ist für mich sehr wahrscheinlich - und zwar unabhängig davon, ob der Versuch, die Ukraine zu übernehmen nun nur aus eigenen Sicherheitsbedürfnissen entstanden ist, wie es viele aus dem Friedenslager vermuten, oder eher aus einem imperialistischen Eroberungsdrang, wie es eher die Aufrüsterfraktion sieht. Und damit sind wir wieder in der sich stetig verschärfenden Rüstungsspirale. Dass diese Spirale definitiv kommt, liegt daran, dass beide Seiten immer denken, wirkliche Sicherheit kann ich nur erreichen, wenn ich mehr habe, wenn ich besser bin. Nur dann ist die angestrebte Abschreckung auch wirklich effektiv.

Na ja, die Konsequenz ist dann, jede Seite sieht sich durch die Aufrüstung des anderen in seiner Angst bestätigt, und weil ja Rüstung teuer ist und andere Aufgaben des Staates deshalb finanziell beschnitten werden müssen, müssen auch die Bürgerinnen und Bürger bei der Stange gehalten werden - also werden sie geflutet mit all den bösen Nachrichten über den Gegner. Die Stimmungen in beiden Teilen Europas sind und bleiben also vergiftet und die Chance, ein gemeinsames friedfertiges Europa aufzubauen, schwindet immer mehr.

Einen anderen Gedanken zu diesem Thema möchte ich noch anfügen

Es wird ja immer wieder argumentiert, eine wirksame Abschreckung verhindert einen Überfall, einen Krieg, die Waffen zeigen ihre Wirkung, auch ohne sie einzusetzen. Und mit dieser Argumentation gewinnt man auch Menschen, die eigentlich skeptisch zum Militär und zu immer mehr Waffen stehen.

Mein Einwand dagegen: Abschreckung funktioniert, indem man zweitschlagsfähig ist. Das bedeutet, wenn man angegriffen wird, ist man trotz möglicher Verluste mit den eigenen Raketen noch in der Lage, im gegnerische Land große Zerstörungen zu verursachen. Sterbe ich, stirbst du auch. Diese Begründung ist übrigens auch die einzige stichhaltige Antwort auf das Vorhalten von Atombomben, denn eigentlich will ja niemand diese Bomben jemals einsetzen. Wenn man allerdings mal intensiver darüber nachdenkt, wenn die Besitzer wirklich nicht die Atomwaffen nutzen wollen, warum kommt es dann nicht zum Umsetzen der internationalen Verpflichtung, alle Atomwaffen aus der Welt zu schaffen? Ja warum nicht? Dann wird einem klar, dass die "friedfertige" Abschreckungsbehauptung total verlogen ist. Wer Atomwaffenbesitzer ist, hat ein Machtinstrument in der Hand, mit dem man drohen kann, und deshalb will keiner darauf verzichten. Und viele kleinere Länder möchten deshalb auch auf diesen Zug des Atombombenbesitzes aufspringen, um so auch zu mehr Macht zu gelangen. Diese Drohmöglichkeit mit der A-Bombe macht aber doch nur Sinn und ist wirksam, wenn man auch glaubhaft bereit ist, eine solche Waffe einzusetzen. (Nordkorea wird doch nur deshalb in Ruhe gelassen – man traut denen zu, dass sie tatsächlich

gelassen – man traut denen zu, dass sie tatsächlich ihre Atombomben einsetzen)

Ähnliches gilt auch für die konventionelle Aufrüstung. Auch wer nur abschrecken will, braucht auf jeden Fall eine Zweitschlagsfähigkeit. Er braucht Waffen, die tief ins Feindesland eindringen und dort große Zerstörungen anrichten kann. Und genau das ist das Problem: Zweitschlagswaffen können genauso gut auch als Erstschlags- und Angriffswaffen genutzt werden (Dies ist das Problem mit den geplanten Mittelstreckenraketen der USA, die 2026 in Deutschland stationiert werden sollen. Sie dienen nicht unserer Verteidigung, sie schließen nicht eine Waffenlücke, sie sind, auch atomar bestückbar, eine aggressive Drohmöglichkeit der Amerikaner, die den alleinigen Zugriff auf diese Waffen haben.) Aus Sicht des potentiellen Gegners ist somit das ganze Gerede des Anderen von der Verteidigungsfähigkeit, der Abschreckung, nur ein Ablenkungsmanöver von den wahren Absichten.

Die Vielen, die trotz dieser höchst wahrscheinlichen Folgen diesen Weg der extremen Aufrüstung weitergehen wollen, nehmen damit bewusst in Kauf, dass das zwischenstaatliche Klima auf viele Jahre verseucht sein wird mit der Folge von stetiger Angst, von absichtlichen oder versehentlichen Spannungen und daraus folgenden Kriegen, von wirtschaftlichen Problemen und nicht zuletzt ein endgültiges Kapitulieren der Bestrebungen, die Klimaerwärmung und die Zerstörung unserer Natur zu stoppen.

Und einen weiteren Gedanken möchte ich obendrauf setzen

Es ist eine allgemein anerkannte Weisheit, 100 Prozent Sicherheit ist nie zu erreichen (das gilt genauso gegenüber dem Terrorismus). Von daher gilt es immer abzuschätzen, sind die geplanten Maßnahmen (sowohl für die innere wie für die äußere Sicherheit) gerechtfertigt. Sind die damit verbundenen Nachteile wie finanzielle Einbußen und immer größere Überwachung gerechtfertigt, wenn sowieso keine 100 Prozent erreicht werden kann? Ich lasse diese Frage unbeantwortet. Dann, ein immer wieder gehörtes Rechtsfertigungsargument, die Rüstungsinvestitionen fördern unsere Wirtschaft, hat sich auch als Seifenblase herausgestellt. Studien belegen, dass der Vorteil für die nationale Wirtschaft gar nicht vorhanden ist. Der Faktor 1 wäre neutral (also der Gewinn ist gleich den Kosten), ein positiver Faktor von 2 oder 3 bedeutet der Mehrwert ist 2 oder 3 mal so hoch, wie es etwa bei benötigten Schulen oder Brücken der Fall ist. Und der Faktor für die Rüstung liegt zwischen 0 und maximal 0,5. Also allemal ein Verlustgeschäft. Und ich gehe sogar noch weiter, eine möglichst hohe Sicherheit durch immer mehr Rüstung kann sogar kontraproduktiv sein, also die Gefährdung noch erhöhen. Nehmen wir einmal an, wir

schaffen es mit neuer Technologie, mit Drohnen, Raketen, sich selbst steuernder Artillerie, mit Satellitenunterstützung usw., einen (fast) 100 %gen Schutzschirm zu installieren (also alle anfliegenden Bomben, Drohnen und Raketen abzufangen), was bedeutet diese erfolgreiche (friedfertige) Aufrüstung denn dann für den potentiellen Feind? Für ihn bedeutet es, er ist seiner eigenen Abschreckung verlustig gegangen. Er kann nach einem Angriff (des potentiellen Gegners) dem Anderen keinen Schaden mehr zufügen, seine eigenen Waffen sind nicht mehr zweitschlagsfähig. Was für Reaktionen wären dann zu erwarten? Er gibt resigniert auf. Wäre schön, ist aber nicht wahrscheinlich. Also auch wenn wir nur defensiv aufrüsten, für einen Gegner ist es trotzdem bedrohlich, er verstärkt seine eigenen Rüstungsbemühungen, die Rüstungsspirale geht weiter. Oder noch schlimmer, bevor es dazu kommt, dass die Verteidigung perfekt wird, muss, muss!!!, er zu verhindern suchen, dass es soweit kommt. Er macht dass, was häufig angewendet und präventive Verteidigung genannt wird. Er versucht es mit einem Erstschlag schon während der Aufrüstung. Ein Krieg wird deshalb auch durch reine Verteidigungsmaßnahmen durchaus möglich.

Meine Gedanken hören gar nicht auf, einen weiteren möchte ich vorstellen

Ein Kreislauf, der meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet wird: In einer Gesellschaft, die nicht autokratisch oder diktatorisch regiert wird, ist für das Regierungshandeln die Zustimmung einer Mehrheit, oder zumindest eines großen Teils der Bevölkerung vonnöten. Das bedeutet, wenn eine Aufrüstung in der Größenordnung von 5% des BIP umgesetzt werden soll, braucht man dafür eine große Zustimmung, oder zumindest eine Akzeptanz. Denn diese finanzielle Belastung kann nur gestemmt werden, wenn an der Infrastruktur und oder am Sozialstaat gespart wird. (die Alternative, für mehr Einnahmen zu sorgen, geht nur durch eine größere Besteuerung der Reichen, was aber kategorisch abgelehnt wird) Wie kann man diese Akzeptanz erreichen? Man muss tüchtig Angst schüren, ein Feindbild aufbauen und ständig füttern. Und ob man das möchte oder nicht, die Stimmung im Lande geht den Bach runter. Zum äußeren Feind kommt der innere Feind dazu, denn wer Zweifel an der Aufrüstung sät, ist fünfte Kolonne des Feindes, wird (überspitzt gesagt) zum Landesverräter. Sich zu verteidigen wird zur wichtigsten Sache, Stärke wird zur gefragten Eigenschaft, echte Probleme wie die Klimaerwärmung werden in den Hintergrund gedrängt und die Kunst, friedfertig miteinander umzugehen, sich mit Friedensgedanken zu beschäftigen, geht immer mehr verloren. Pazifismus ist verpönt, zumindest naiv, die Sprache wird immer martialischer und nicht zuletzt - Strömungen, die auf dieser Welle reiten, werden immer stärker. Der Faschismus, die Forderung nach Stärke, nach dem starken Führer, der nationalen Größe und der Entmenschlichung des Feindes, der Anderen kommt wieder zum Vorschein.

Dies ist jetzt eine krasse, vielleicht auch übertriebene Darstellung. Ich möchte deshalb zur Verdeutlichung gern ein Beispiel nennen, die Entwicklung des Staates Israel. Und ich bitte darum, jetzt dieses Beispiel nicht als Anlass zu nehmen, mit einer Antisemitismus-Diskussion zu beginnen. Glaubt mir einfach mal, wenigsten während der Zeit des Lesens dieses Textes, dass ich definitiv keine antisemitischen Gedanken hege. Und es geht mir in keinster Weise um irgendwelche Schuldzuweisungen bei meiner kurzen geschichtlichen Darstellung. Ich picke mir bei diesem sehr komplexen Thema nur den klitzekleinen Teil heraus, der zu meinem Thema oben passt.

Die Gründung Israels 1949 basierte auf die gewaltsame Vertreibung der dort lebenden Palästinenser. Kämpfe zwischen den siedelnden Juden und den Palästinensern gab es schon vorher und sie gab es nach der Gründung. Auch, weil die umliegenden arabischen Länder diese Staatsgründung nicht akzeptierten, nicht anerkannten. Hier setzt übrigens meine Kritik an der (westlichen) Staatengemeinschaft an. Sie hat Israel nach der Gründung mit diesem Konflikt allein gelassen. Die USA wurde zwar ihr stärkster Verbündeter und lieferte (mit anderen) jede Menge Waffen, doch es gab kaum Engagement, um irgendwie das Unrecht der Vertreibung auszugleichen, noch in irgendeiner Weise ein friedliches Miteinander im Nahen Osten zu befördern. Mit der Folge, dass die Verteidigung ihrer Bewohner und des Landes das Allerwichtigste für Israel wurde. Die Bewaffnung und die Aufrüstung, eigene Stärke, die Abschreckung und auch und vor allem, die Fähigkeit und somit die Möglichkeit der Bestrafung aller Gegner, wurde das A und O des Regierungshandelns und wurde dann auch genauso die gesellschaftliche Grundhaltung. Die ständigen kleinen Scharmützel, die vielen Attentaten, die vielen Opfer prägten das Denken und ließen (fast) jede Art eines friedlichen Ausgleichs ziemlich verkümmern. Meine Frau und ich hatten die Möglichkeit, mehrmals im Rahmen einer Städtepartnerschaft mit Kfar Saba (etwas nördlich von Tel Aviv) Israel zu besuchen und das Land etwas kennen zu lernen. Dabei entstanden, auch durch die Gegenbesuche in Wiesbaden, recht enge Freundschaften inklusive mit vielen, auch kontroversen Diskussionen. Ich habe mich gefreut (und bin auch stolz gewesen) über die Freundschaft mit einer älteren Dame, Jehudit. 1936 mit ihren Eltern aus Deutschland nach Palästina geflohen, dort in einem Kibbuz aufgewachsen, in Israel studiert, später mit ihrem Mann in den USA gelebt und gelehrt, um dann wieder nach Israel zurück zu kehren. Eine hochgebildete Frau, sehr sympathisch, empathisch und den Menschen zugewandt. Ich durfte mich viel mit ihr austauschen, konnte ihre Kinder und Enkel kennen lernen. Meine Haltung, sich für die Palästinenser einzusetzen, sich um ein friedfertiges Miteinander einzusetzen, Israel zu empfehlen, sich mit den arabischen Nachbarn auf ein

gemeinsames Leben zu einigen (oder auch meinen Vorschlag zur Konfliktlösung im Nahen Osten, nämlich den Sitz der UNO von New York nach Jerusalem zu verlegen, weil die USA ständig das Völkerrecht missachtet und Jerusalem ja als kulturelles Zentrum der (westlichen) Welt eine ideale Heimstätte der UNO wäre), konnte sie durchaus nachvollziehen. Aber auf meine Forderung, mit den Palästinenser ernsthaft zu verhandeln, sagte sie einen Satz, der sich in meinem Kopf fest gesetzt hat: „Wie können wir mit denen verhandeln, wenn du dich umdrehst, musst du jederzeit damit rechnen, ein Messer in den Rücken zu bekommen.“

Zwei Grundüberzeugungen habe ich bei fast allen meiner israelischen Gesprächspartner festgestellt: Wir müssen stark sein und dürfen den Palästinensern und den Arabern nicht trauen und zweitens den Stolz auf ihr Land, wir haben dieses karge Land aufgebaut und zu einer blühenden Oase gemacht (im Gegensatz zu den anderen Bewohnern hier). Beide Einstellungen zeigen meiner Meinung nach, wie sich die Angst-, die Stress-Situation negativ auf die Bevölkerung auswirkt. Eine weitere Entwicklung, die auf eine Fixierung der Sicherheit folgt, ist die Abschottung, der Bau von Grenzbefestigungen und Mauern. Während früher die Bewohner von Kfar Saba, das ja direkt an der Grenze zum Westjordanland liegt, immer gerne in den palästinensischen Nachbarort Qalqilyah zum Einkaufen gingen, trennt heute eine riesige Mauer diese beiden Nachbarorte (Es häuften sich die Anschläge in Kfar Saba, teilweise schossen Scharfschützen aus Qalqilyah auf Passanten). Überall wurden Zäune und Mauern im Land gebaut, dazu jede Menge Kontrollstellen und eingezäunte Straßen. Die jungen Menschen hatten kaum noch Chancen, die „Anderen“ kennenzulernen. So hat sich schleichend Nationalismus und auch Rassismus in der Gesellschaft ausgebreitet. Mit der Folge, dass heute extrem rechte, auch faschistisch angehauchte Parteien die Regierung bilden und der Gaza-Krieg zeigt, dass die rassistische Entmenschlichung des Feindes, wie es einige Minister äußern, von der Mehrheitsgesellschaft scheinbar angenommen wird.

Jetzt kann man sicher trefflich über mein Beispiel streiten, aber ich wollte damit zeigen, auf welchem Weg wir uns in Deutschland begehen, wenn hier die Russenangst weiter geschürt wird, mit der Aufrüstung der Verteidigungsetat wie in Israel bald mehr als die Hälfte des Haushalts einnimmt, und durch die daraus folgenden Alltagsproblem die Spaltung der Gesellschaft zunimmt. Die Fremdenfeindlichkeit, der Rassismus, der Nationalismus, das Betonen und sich Zurückziehen auf die eigene Nation, Hass, Wut und Spaltung – all das erleben wir doch schon in den Anfängen. Und mit dieser geplanten Superaufrüstung werden wir eine weitere Stärkung rechter, populistischer Narrative und Organisationen erleiden.

                      Damit komme ich jetzt endlich zum letzten Teil: meiner Erklärung, warum der zweite Weg, das Einfordern und Umsetzen von Verhandlungen, der vernünftigste Lösungsansatz ist.                 Und wie ein solcher Weg aussehen könnte.

Wie schon gesagt, einen Erfolg kann niemand versprechen, meine Annahmen können sich als falsch herausstellen, ein Scheitern ist möglich. Mut und Ausdauer ist erforderlich, aber im Gegensatz zu den anderen Handlungsvarianten, ist ein positiverer Ausgang durchaus wahrscheinlich.

Es ist richtig, beide Seiten wollen von ihren Maximalforderungen nicht Abstand nehmen – Russland will die jetzige ukrainische Regierung beseitigen und die Hoheit über das Land, zumindest über die östlichen Oblasten, übernehmen und die Ukraine will kein Territorium abgeben, pocht (ja zurecht) auf das Völkerrecht und besteht auf den Abzug der russischen Soldaten, auf Schadensersatz und Bestrafung der Schuldigen. Und nach fast vier Jahren Krieg mit den enormen Verlusten besteht einfach keine Aussicht auf irgendeine Art von Versöhnung. Deshalb kann die westliche, immer wieder geäußerte Ansicht, die beiden Konfliktparteien müssen entscheiden und an den Verhandlungstisch, nicht funktionieren und zeugt eher von Verbohrtheit und Ratlosigkeit.

Die Lösung kann meiner Meinung nach (nur) darin bestehen, dass die internationale Staatengemeinschaft, die UNO, eine Friedenskonferenz (Ratschlag, Runden Tisch, Gespräche, Kongress) organisiert und die wichtigsten Ländervertretungen der Welt dazu einlädt. Neben Russland, Ukraine, USA und Westeuropa, wären weitere Kandidaten einer Teilnahme China, Indien, Brasilien, Südafrika, Japan, Kanada, Australien … Denn die ganze Welt ist von den negativen Folgen dieses Krieges betroffen und es wird Zeit, ihn zu beenden, bevor aus der lokalen Katastrophe für die Ukraine und Russland, es eine Katastrophe für die ganze Welt wird (Hunger, Natur, Ressourcen, Klima).

Der Vorteil einer solchen internationalen Konferenz liegt meiner Meinung nach in der Thematik, die wahrscheinlich behandelt wird. Den vielen Ländern außerhalb Europas ist die vergangene Geschichte, die Befindlichkeiten, Nazi-Vorwürfe oder die Schuldfrage wahrscheinlich völlig egal. Da geht es eher um Sicherheits-, Einfluss- und Handelsfragen. Und wenn dann die Ukraine zusammen mit den Europäern den Russen entgegenkommende Angebote macht, dann kann ich mir vorstellen, dass man sich zusammen mit den nicht beteiligten Staaten auf Vorschläge einigen kann, die den Krieg beenden und eine zukünftige Friedenslösung ermöglichen. Solche Vorschläge und dann auch mögliche Vereinbarungen wären:

  • ein Einfrieren der aktuellen Frontlinie (vielleicht mit kleineren Begradigungen)

  • ein Offenhalten der Territorialfragen und das Verschieben auf eine spätere Friedenslösung

  • eine internationale Übergangsverwaltung für diese Gebiete

  • eine ausreichend breite entmilitarisierte Pufferzone zwischen den beiden Kontrahenten und keine Manöver darin

  • eine internationale Überwachungstruppe für die Pufferzone

  • Bestands- und Sicherheitsgarantie durch mehrere Länder

  • dafür ein Verzicht der Ukraine auf den Beitritt zur Nato

  • ebenfalls eine internationale Einrichtung zur Steuerung und Verwaltung der internationalen Aufbau-Hilfen

  • die Aufhebung, zumindest Lockerung der Sanktionen gegenüber Russland

  • dafür Beteiligung Russlands am Wiederaufbau der Ukraine, z.B. durch den Verzicht auf die eingefrorenen Milliarden oder eine prozentuale Abgabe der Einnahmen durch den wieder freien Export von Energie und Rohstoffen

  • Absichtserklärung beider Konfliktparteien, sich bei den weltweiten Bemühungen für einen Natur- und Klimaschutz zu beteiligen

  • Absichtserklärung beider Konfliktparteien, konstruktiv am Aufbau einer gemeinsamen europäischen Friedensordnung mitzuarbeiten

Ich denke, dass solche oder ähnliche Vorschläge eine breite Zustimmung der beteiligten Länder finden kann und dass es für ein verhandlungsunwilliges Russland schwer werden würde, wenn sie sich solchen Vorschlägen verweigern würden. Denn Russland kann den vielfältigen Sanktionen nur trotzen, weil es (rund 50) Länder gibt, die sich nicht an den Sanktionen beteiligen. Wenn aber Russland mauert und solche Vorschläge ablehnt, könnte es gut sein, dass es dann doch viele seiner jetzigen Partner verlieren würde, weil sie alle – zumindest ihre Bevölkerungen – von einem Ende des Krieges profitieren würden.

Soweit meine Gedanken zum Beenden des Ukraine-Krieges und der Unvernunft einer übertriebenen Aufrüstung

Jetzt habe ich nach vielen Wochen diesen Text endlich fertig, da kommt unser lieber, nach einem Friedensnobelpreis lechzende US-Präsident Donald Trump mit seinem mit Putin besprochenen Friedensprogramm und wirft damit Vieles durcheinander. Man hört viel Entrüstung, Enttäuschung, Empörung, Frust und Ärger. Aber was ist passiert? Da hat jemand – im Gegensatz zu den verantwortlichen Europäern, die wohl immer noch von einem Sieg träumen, obwohl der, wenn überhaupt, nur mit noch mehr Elend und noch mehr Zerstörungen erreicht werden könnte – tatsächlich die Realitäten anerkannt und einen Plan vorgelegt. Einen Plan, der den Russen viel Entgegenkommen anbietet und damit diesen Vorwurf der aufgezwungenen Kapitulation der Ukraine hervorruft. Ich möchte auf die Details hier gar nicht eingehen, aber darauf hinweisen, was die Europäer scheinbar gar nicht auf dem Schirm haben: Da fordert kein Politiker, sondern ein Geschäftemacher etwas für ihn ganz Selbstverständliches ein, nämlich Kompromisse zu suchen. Da ein Sieg kaum möglich ist, muss man dem Anderen irgendwie entgegenkommen.

Der Friedensplan Trumps wird nicht funktionieren (genauso wenig wie die von ihm erzwungene Waffenruhe den Frieden in den Nahen Osten bringt, denn dann müsste man ja die Rechte der Palästinenser anerkennen) aber ich bin ihm dankbar, dass er mit seinem Vorschlag endlich Bewegung in diesen Konflikt bringt und so unsere Regierungen darüber nachdenken müssen, zu welchen Vorschlägen und Kompromissen sie bereit sind, um dem Aggressor Russland zum Aufhören zu bewegen. Insofern bleiben meine Vorstellungen oben von einer durchzuführenden Konferenz mit Weltbeteiligung aktuell.

Josef Liebhart, November 2025

Teil 3 zur Aufrüstung

Sicherheit schaffen - ja

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Einleitung

Wir Bürgerinnen und Bürger werden geflutet mit dem Narrativ, Putin mit seinem Russland will nicht nur die Ukraine ausschalten, perspektivisch wird er auch noch weitere Länder im Osten Europas beherrschen wollen. Im ersten Teil wollte ich aufzeigen, dass die Nato auch ohne die USA militärtechnisch und auch in der Mannstärke deutlich überlegen ist (bis auf die Atomwaffen) und dass die geplante Aufrüstung nicht nur Unfug ist, sondern damit würden wir auch ohne einen Krieg unsere Gesellschaft kaputt machen. Vor allem wird Russland nicht in der Lage sein, innerhalb der nächsten 10 Jahre militärisch so stark zu werden, dass es sich eine Auseinandersetzung mit der Nato leisten könnte. Es besteht also gar kein Grund, ohne genaue längerfristige Planungen, jetzt übereilt und hektisch soviel Geld auszugeben

Im zweiten Teil fordere ich mehr Diskussionen zu diesem Thema ein und versuche, die verschiedensten Denkrichtungen zu beleuchten und schlage am Ende ein Beispiel vor, wie der Ukraine-Krieg vielleicht beendet werden könnte. Hier im dritten Teil möchte ich jetzt darstellen, dass wir tatsächlich etwas für unsere Sicherheit tun müssen – allerdings nicht mit der anvisierten Aufrüstung, sondern um eine bessere Resilienzfähigkeit unserer Gesellschaft zu erreichen.

Wir sollten nicht so schnell unsere militärischen Ausrüstungen in Deutschland und auch in Europa so riesig verstärken und da so unendlich viel Geld hineinstecken, denn das wirkliche Problem unserer Verteidigung liegt doch in der mangelhaften internen Organisation der Bundeswehr und der fehlenden Koordination mit den anderen Nato-Partnern. Solange diese Mängel nicht behoben sind, werden die neuen Rüstungsgüter nur zur Geldverschwendung. (Das habe ich in den beiden vorhergehenden Texten beschrieben,)

Warum Sicherheit anders organisiert werden muss

Bei einer zunehmenden Auflösung der bisherigen Weltordnung möchte ich nicht nur auf die Nebenwirkungen von diversen möglichen neuen Kriegen hinweisen, sondern auch darauf, dass Abhängigkeiten und fehlende Resilienz eine (vielleicht viel größere) Sicherheitsgefahr für uns bedeuten kann als die mögliche Bedrohung durch Russland.

Mein Wunsch, - bevor man hunderte von Milliarden Euro in die neue Aufrüstung investiert, sollte man doch zuerst eine Inventur machen, frühere Fehler beseitigen, die zukünftigen Gefahren analysieren und diskutieren und sich mit den europäischen Partnern auf gemeinsame Wege und Anschaffungen einigen – dieser Wunsch scheint ja nicht in Erfüllung zu gehen. Nein, die Aufrüstung muss unbedingt jetzt stattfinden und schnell gehen. Dass die Welt sorgfältig mit ihren Ressourcen umgehen muss, auch weil diese immer knapper werden, wir mit der zusätzlichen Aufrüstung, mit dem Unterhalt, mit der Ausbildung und dem Betrieb der vielen neuen Waffen den Verbrauch von Öl und Gas dermaßen in die Höhe treiben, dass wir damit die Erderwärmung auf über 3°C treiben, dass wir damit mehr Unwirtlichkeit in der Welt schaffen und somit mehr Massenwanderungen inklusive zusätzlicher Verteilungskämpfe und Kriege generieren, dass all dies uns den Weg zurück in eine Welt mit dem Recht des Stärkeren bringt, all das ist ja scheinbar nicht so wichtig.

Und davon, dass wir mit diesen Vorhaben unsere Welt nicht sicherer, sondern unsicherer machen, davon will auch niemand etwas wissen.

Wie ich darauf komme?

Unser bisher weltweit nicht nur als sinnvoll sondern auch als notwendig angesehenes Ziel, den fossilen Verbrauch immer weiter zu reduzieren, wird mit dem eingeschlagenem Weg eindeutig aufgegeben. Wir werden noch viel (mehr) fossile Treibstoffe brauchen und benutzen als je zuvor. Dabei befinden wir uns in einer Weltlage, wo wichtige Handelspartner und Verbündete wegbrechen und wir uns doch auf den Weg begeben wollen, um Deutschland und Europa mehr Unabhängigkeit zu verschaffen. Tatsache ist, dass Europa zur Zeit rund 95 % des Mineralölbedarfs und fast 90 % des Gasbedarfs durch Importe decken muss. (Das waren 2024 Importe von etwa 376 Mrd. Euro,) Und es wird wie gesagt durch die geplante Aufrüstung eher mehr als weniger werden. Was bedeutet das? Unsere Lieferanten sind nicht unbedingt als vertrauenswürdig einzustufen, realistischerweise muss man davon ausgehen, dass diese Abhängigkeit auch in Zukunft für Erpressungen (oder noch Schlimmeren) ausgenutzt wird. Bisher gibt es schon genügend Beispiele für solche Art von Erpressung: Die russischen Gaslieferungen schränkten unsere Handlungsräume ein, die Lieferanten des alternativen LNGs setzten Mindestlaufzeiten von 15 Jahren durch, obwohl wir da schon längst frei vom Gas sein wollten, Katar droht auch, wenn das Lieferkettengesetz nicht abgeschwächt und verwässert wird, und von unserem Partner USA müssen wir für die nächsten Jahre auch Energie für 750 Mrd. Euro abnehmen, obwohl wir die gar nicht brauchen.

Es sollte doch jedem klar sein, ohne die fossilen Importe bricht unsere Wirtschaft zusammen, ja unsere vielen neu gekauften Panzer, Schiffe und Flugzeuge könnten ohne importiertem Öl auch nicht benutzt werden. Was aber wiederum bedeutet, bei allen auf uns zukommenden geopolitischen Auseinandersetzungen, und nicht nur bei den militärisch ausgetragenen, sind wir abhängig von der weiteren Versorgung mit Gas und Öl, und es ist wirklich für einen potentiellen Feind ein Leichtes, diese Lieferketten zu unterbrechen. Oder allein schon die Androhung dieses Vorgehens würde unsere Handlungsfähigkeit lähmen. Wird diese Gefahr ausreichend erkannt und gewürdigt? Ich denke nein, denn die eingeleitete Diversifizierung hilft dagegen nur bedingt, auch weil man sich heute eben nicht mehr auf die Lieferanten verlassen kann. Wer ehrlich ist, für den gibt es eigentlich nur eine wirklich erfolgversprechende Gegenwehr: sich unabhängig(er) von den Fossilen zu machen, sprich die Wind- und Sonnenenergie-Versorgung schnell und deutlich auszubauen. Wird das gemacht? Leider nicht wirklich, wir müssen erleben, dass mit unserer Merz-Regierung dieser Prozess eher behindert und verschleppt wird.

Dabei liegen die ökonomischen als auch die Sicherheitsvorteile einer Energiewende auf der Hand. Die Windräder und Solarflächen sind schnell aufgebaut, ihr Strom ist günstig - mit eingepreisten CO2-Abgaben sogar unschlagbar günstig - und machen unabhängig von allen fremden Lieferanten. Statt jedes Jahr 376 Mrd. € ins Ausland zu transferieren, bleibt die Wertschöpfung im Land, die Bürger können sich beteiligen, der Preisterror für Energie bleibt allen erspart. Und ganz wichtig, die Energieversorgung wird resilienter. Durch die Dezentralisierung bleiben die Folgen von Ausfällen und Anschlägen lokal begrenzt. Natürlich stimmt der Einwand, den manch einer auf den Lippen hat, die Materialien der Wind- und Solarstromanlagen werden genauso von anderen Ländern bezogen, wir haben da ganz ähnliche Abhängigkeiten und es wird für sie genauso die Umwelt vernutzt. Stimmt, auch mit dieser Technologie

sind wir in dem gängigen kapitalistischen Kreislauf mit all seinen Problemen eingebunden. Der entscheidende Unterschied was die Abhängigkeit, bzw. die Sicherheit betrifft, ist jedoch: bei der Technik mit Verbrennen sind wir neben den zeitlich begrenzten ähnlichen Abhängigkeiten bei der Produktion der Versorgungsanlagen, außerdem auf ständig nachzulieferndes Brennmaterial angewiesen. Bei den Erneuerbaren kommt der Energienachschub in unendlicher Menge durch Sonne und Wind von allein und ganz umsonst. Wenn wir jetzt also in noch einigermaßen friedlichen Zeiten den Ausbau zügig hinbekommen, dann haben wir dafür in möglichen späteren schwierigen Zeiten die ersehnte Unabhängigkeit. Und etwas globaler gedacht: Während die Fixierung auf eine militärische Aufrüstung nur auch die Aufrüstung der Gegenseite befeuert und wir mit ziemlicher Sicherheit in einer Aufrüstungsspirale landen werden mit all ihren gefährlichen Unsicherheiten, bietet der Wechsel zu den Erneuerbaren nicht nur uns eine Energie-Unabhängigkeit, Gleiches gilt auch für den Rest der Welt. Mit der Folge, dass überall der Wunsch nach einer gesicherten Energieversorgung nirgendwo mehr zu einem Krieg (ums Öl) führen muss. Die Welt würde definitiv friedlicher werden.

Dazu kommt, dass die meisten der vielen hundert Milliarden Euro für die jetzt viel zu schnell eingeleitete Aufrüstung für amerikanische Waffen ausgegeben werden. Da sich abzeichnet, zumindest aber gegenwärtig die Möglichkeit dafür besteht, dass aus dem Partner USA nicht nur ein knallharter Konkurrent sondern durchaus auch ein Gegner werden könnte, empfinde ich diese Käufe als höchst gefährlich. Neben der Versorgung mit Treibstoffen werden wir somit auch bei den Waffen selbst abhängig und damit erpressbar. Neben wir als Beispiel den Kauf von 35 neuen F35-Kampfjets. Auch sie funktionieren nur mit US-amerikanischer Software wie die älteren F 16, die die Ukraine bekommen hat. Auch sie können genauso durch die US-Regierung lahmgelegt werden, wie es mit der Ukraine wegen „ungebührlichem“ Verhaltens geschehen ist. Ähnliches gilt für andere Waffensysteme auch. So kritisch ich zu Waffen und Aufrüstung generell auch stehe, ich unterstütze die immer wieder geäußerten Vorstellungen, notwendige Waffen (zur Verteidigung) im Lande selbst oder in Europa zu entwickeln und zu bauen. Das ist aus Sicherheitsaspekten sinnvoll und richtig. Tatsache ist leider, dass diese Eigenertüchtigung überwiegend nur Lippenbekenntnisse sind und es damit nicht wirklich voran geht. Auch aus diesem Grund sollten wir die jetzige geplante Aufrüstung verhindern. Was jetzt nottut, ist, die jetzigen Kaufvorhaben nicht zu realisieren, den Aufbau eigener Produktionsstätten zu forcieren und dann erst die neuen Ausrüstungen zu bestellen.

Und wenn wir schon bei der Sicherheit und Erpressbarkeit sind, sollten wir diese Punkte auch bei den anderen gesellschaftlichen Bereichen mit bedenken. Deutschland ist auch dort nicht mehr wirklich souverän. Von US-Firmen sind wir abhängig bei Betriebssystemen, Cloud, soziale Netzwerke, Chips und auch bei KI-Modellen. Abhängig von Google, Microsoft, Meta, OpenAI, Nividia ….Von China sind wir abhängig bei vielen Medikamenten und Rohstoffen. Statt für überflüssige F35, Schiffe und Panzer, sollten die vielen Verteidigungsmilliarden besser in diese Bereiche investiert und somit unsere Unabhängigkeit und damit unsere Sicherheit wirklich gestärkt werden.

Warum schreibe ich das alles?

Ich wünsche mir, dass wir uns gegen diese falschen Entwicklungen wehren. Dafür ist es wichtig, die Mehrheiten in unserer Gesellschaft mit diesen Tatsachen zu erreichen. Und zwei weitere Punkte erscheinen mir dafür sehr hilfreich

Zum einen, bei all unseren Problemen, vor allem beim Umwelt- und Klimaschutz, aber auch den vielen anderen, seien es die fehlenden bezahlbaren Wohnungen oder die Preisentwicklung, bei fast allen Problemen ist ein entscheidender, wichtiger und erfolgversprechender Handlungsstrang, der leider auch viel zu selten thematisiert wird - das Sparen, das weniger Verbrauchen. Für alle anstehenden Veränderungen, für die notwendigen Transformationen ist ein solches Reduzieren am einfachsten umzusetzen und birgt ein riesiges Erfolg

Und damit komme ich zum Sicherheitsthema, was ja angeblich für die handelnden Akteure so wichtig ist: Laut Aussagen der IEA, dem (ja wahrlich nicht reformfreudigen) energiewissenschaftlichen Institut der OECD-Staaten, wird ein dramatischer Rückgang der Förderung aus den gegenwärtig existierenden Ölfeldern als „natürliche“ Entwicklung beschrieben. Weil die alten Felder zunehmend leer gepumpt sind, geht die Förderung dem Bericht zufolge in den nächsten Jahren um 86 Prozent zurück. Die IEA sieht einen Einbruch der Ölförderung bis zur Jahrhundertmitte, der eher als Zusammenbruch bezeichnet werden muss. Um diesem Rückgang entgegenzuwirken, müssten erhebliche Mittel in existierende und neue Ölfelder fließen. Doch selbst umfangreiche Investitionen – sofern sie tatsächlich geschehen – können nach Darstellung der IEA nicht verhindern, dass sich die Ölförderung bis 2050 glatt halbiert. (Ende 2025 veröffentlichte die IEA ihren jährlichen „World Energy Outlook“, eine umfangreiche Analyse der neuesten globalen Energiedaten, Technologie- und Markttrends sowie Projektionen bis zum Jahr 2050.)

Das bedeutet doch, dass in den nächsten sehr konfliktreichen Jahren das Öl knapper und viel teurer werden wird. Wenn also unsere vielen neuen (und alten) Waffen funktionieren sollen, wir aber bei der Treibstoffversorgung zu über 90 % von Importen abhängig sind (was ja auch die Sicherheit beeinträchtigt), dass wir dann unbedingt den Treibstoffverbrauch im zivilen Sektor reduzieren müssen, damit das Militär leichter mit dem Öl versorgt werden kann. Das bedeutet, rein aus Sicherheitsgründen sollten oder müssen wir die Elektromobilität forcieren und Verbrennerfahrzeuge vom Markt nehmen.

Und zum zweiten: Eine Widerstandsfähigkeit, eine Resilienz, wird deutlich besser, wenn eine Gesellschaft funktioniert, wenn in die Kinderbetreuung, in Schulen und Universitäten viel, viel mehr investiert wird. Wenn alle gut ausgebildet werden, wenn alle in einem Staat leben, der als verteidigungswert angesehen wird. Und dies ist nur möglich, wenn das Geld nicht übertrieben und unnötig in eine militärische Maschinerie gepumpt wird, damit Deutschland wieder die stärkste Militärmacht in Europa werden kann. Dieses Ziel, von Bundeskanzler Merz so formuliert, ist gesellschaftlich zerstörerisch, weltpolitisch gefährlich und zusätzlich dumm.

Josef, Januar 2026